Knirps entführt die Prinzessin - oder umgekehrt? - © Illustration: R. Kehn
Knirps entführt die Prinzessin - oder umgekehrt? - © Illustration: R. Kehn

Hastrubel Anaximander Chrysostomos Dick, genannt Knirps, Sohn fahrender Puppenspieler, haut eines Nachts ab, um Knappe des gefürchteten Raubritters Rodrigo Raubein zu werden. Tatsächlich findet Knirps den Räuber, der freilich das genaue Gegenteil seines Images ist und sich sogar im Dunkeln fürchtet. Weil er mit dem übermütigen Knaben schlichtweg überfordert ist, schickt er ihn, um ihn loszuwerden, fort, damit er sich eine Mutprobe suche. Ende.

Oder besser gesagt: So weit Michael Ende in seinem letzten Buch "Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe". Mehr als die ersten komplett ausformulierten 40 Seiten (die 1998 als Fragment im Sammelband "Der Niemandsgarten" erschienen sind) hat der 1995 verstorbene Meister in seinen letzten Lebensjahren nämlich nicht mehr geschrieben und nicht einmal Skizzen für die weitere Handlung hinterlassen.

Ein Vierteljahrhundert später hat nun Wieland Freund (50) das Buch doch noch vollendet, im Jahr von Endes 90. Geburtstag ist es - bunt illustriert von Regina Kehn - nun posthum bei Thienemann erschienen. "Dass ich ausgewählt wurde, hat vielleicht damit zu tun, dass mein allererstes Buch ein bisschen endisch war", meint Freund im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Ende hinterließ die übrigen Figuren als Marionetten

Michael Ende & Wieland Freund: "Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe"; Thienemann; 204 Seiten; 17,50 Euro
Michael Ende & Wieland Freund: "Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe"; Thienemann; 204 Seiten; 17,50 Euro

Bereits als Zehnjähriger hat er "Die unendliche Geschichte" verschlungen und sagt nun über das Projekt "Rodrigo Raubein": "Ich habe mich ein bisschen gefühlt wie Bastian Balthasar Bux - der Junge, der in der ‚Unendlichen Geschichte‘ in das Buch eintaucht. Das war ja eigentlich meine Rolle, ich wurde gerufen. Ich habe das Buch als dankbarer Leser vollendet." Überhaupt spürt er "eine besondere Beziehung zur Generation der Nachkriegsautoren in der Kinderliteratur." Deshalb war ihm eigentlich sofort klar, dass er zusagen würde, "auch wenn ich mächtig Bammel hatte". Mit dem Schreiben der übrigen 160 Seiten habe sich aber die Nervosität bald gelegt. "Die ganz schlimmen Phasen das Haderns waren, bevor ich losgelegt habe. Das Schreiben selbst war erstaunlich einfach. Der Ton und die Figuren kamen wie von selbst."

Die Figuren, die Freund selbst eingeführt hat, sind unter anderem eine abenteuerlustige Prinzessin, die sich von Knirps entführen lässt, ein amtsmüder, depressiver König, ein machtgieriger Zauberer, der einen boshaften Drachen ausnutzt. Wobei Freund, der sich vor allem mit dem klugen und sogar des Lesens kundigen Papagei des Puppenspielers identifiziert, sagt: "Die Figuren hatte mir Ende als Marionetten in den Puppenwagen gehängt. Ich habe ihnen nur noch Namen gegeben." Ein bisschen ist es ihm dabei so ergangen wie Ende selbst: "Er war der Inbegriff eines Finders, seine Geschichten haben sich alle erst im Schreiben entwickelt."

Warum Ende nach drei Kapiteln einfach aufgehört hat, ist unbekannt. "Die traurigste Theorie ist, dass das Ganze so spät entstanden ist, dass er schlicht nicht mehr konnte", so Freund. "Eine andere lautet, dass Ende dabei war, sich neu zu erfinden. Warum fängt er sein Buch mit einem unbegabten, langweiligen Puppenspieler an, wo er doch selbst der Marionettenkönig der deutschsprachigen Kinderliteratur war?"

Ein für Ende sehr ungewöhnlicher Held

Die Kunstkritikerin Julia Voss stellt mit Blick auf Knirps fest, dass Ende hier eine völlig andere Hauptfigur schuf als Jim Knopf, Momo oder Bastian Bux. Lag sonst meist viel zu viel Verantwortung auf viel zu kleinen Schultern, so ist der Held hier so unbekümmert und frech wie nur was. Das Konzept von Angst und Mut ist ihm noch völlig fremd. Und "Rodrigo Raubein" ist auch keine gesellschaftskritische Parabel, sondern: "Wieland Freund schickt seinen Knirps durch eine verspielte fröhliche Welt, in der ein Märchen einfach ein Märchen ist." Freund selbst hat Endes Erzählton erstaunt: "Es ist sein letztes Werk - und es ist so heiter!"