Schon einmal bin ich Hanya Yanagihara "auf den Leim gegangen". Mit ihrem vielbesprochenen - genauso oft gerühmten wie verdammten - Roman "Ein wenig Leben" (Hanser, 2017) hatte mich die amerikanische Autorin voll erwischt. Wie zahlreiche andere Leser konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen, war zutiefst erschüttert von dem unermesslichen Leid, das über den Protagonisten Jude St. Francis gekippt wurde. "Ein wenig Leben" ist eines der berührendsten, traurigsten, grausamsten Bücher, die ich kenne. Was mir von diesem Roman letztendlich blieb, ist eine Irritation, wie der ölige Nachgeschmack nach einem zu gehaltvollen Essen.

Was mich vor allem verstörte: Wie gnadenlos die Autorin ihre Macht als Schaffende einsetzt. Ich fühlte mich manipuliert und missbraucht. Nicht so dramatisch missbraucht wie Jude St. Francis. Aber schon auch. Und so mischte sich im Fall von Hanya Yanagiharas neuem Roman, "Das Volk der Bäume" (in den USA bereits 2013 erschienen), Beklommenheit unter die Vorfreude.

Das Recht, zu richten

Doch siehe da, die Autorin macht ihre Intention diesmal von Anfang an deutlich. Es sei beinahe so etwas wie ein wissenschaftliches Experiment, erklärt sie im Vorwort, denn hinter dem Plot stehe eine moralphilosophische Frage: "Wenn ein großer Mann schreckliche Dinge tut, ist er dann noch ein großer Mann?" Darauf kann es keine Antwort geben, solange man nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien denken mag.

Während des Lesens formt sich die Frage neu: Darf man moralisch über einen richten, der zwar ein paar Einzelne geschädigt, aber Großes für die Menschheit geleistet hat? Auch diese Antwort braucht eigentlich keinen Satz, schon gar keinen Roman von 480 Seiten. Nur ein Wort: Nein. Jeder Mensch ist für seine Untaten zu verurteilen - mag auch das, was er geschaffen hat, nützlich sein. Soll heißen: Man lässt sich ja doch gern von einem Medikament retten, das von einem "Ungustl" entwickelt wurde.

Und da ist er also, der "Ungustl", aus Yanagiharas neuem Roman: Der Naturwissenschafter Norton Perina. Beschämend eitel, egozentrisch, empathielos. So nüchtern, wie Norton Perina seine Umwelt wahrnimmt, so distanziert liest man seine Geschichte, welche zu Beginn der 50er Jahre in den USA und auf einer mikronesischen Insel spielt.

Schon ganz zu Beginn, wenn Norton schildert, wie er als Kind seine Mutter beobachtet und quälenden Verhaltensexperimenten unterzogen hat, stellt Yanagihara klar, dass ihr Held kein Sympathieträger ist. Aber sogar Perinas große Leistung für die Menschheit entpuppt sich als lau. Er entdeckt das "Selene"-Syndrom, nichts weniger als die Unsterblichkeit, aber eine, die mit geistigem Verfall gekoppelt ist. (Unausgesprochen bleibt, dass geistige Klarheit die Qual des ewigen Lebens wohl nur verschärfen würde - siehe Simone Beauvoirs "Alle Menschen sind sterblich" aus dem Jahr 1946.)