Bei Familiengeschichten ist es oft so: Bis man den Durchblick hat, wer mit wem eigentlich in welcher verwandtschaftlichen Beziehung steht, ist das Buch schon fast zu Ende gelesen. Noch dazu bei einem so schmalen Büchlein wie Sylvie Schenks "Eine gewöhnliche Familie", das nur 160 Seiten umfasst. Aber mehr benötigt die 1944 in Chambéry geborene, deutsch-französische Schriftstellerin auch gar nicht, um ein tiefgründiges Familiendrama entstehen zu lassen, das subtil beginnt und nicht ganz unerwartet in einen ausgewachsenen Streit mündet - trotz aller bei einer Begräbnisfeierlichkeit gebotenen Höflichkeit.

Gestorben sind, nur wenige Stunden hintereinander, Simon und Tamara Cardin, ein kinderloses Ehepaar, das Besitztümer im Wert von ungefähr einer Million Euro hinterlässt. Das Erbe soll auf Wunsch von Tante Tamara gerecht auf die ganze Familie aufgeteilt werden - wenn man denn ihrem Testament Glauben schenken darf. Da dieses aber nur in einer Kopie vorliegt, ist es ungültig. Damit wird die Totenruhe der beiden aufgebahrten alten Cardins gleich von Beginn an gestört. Um das Erbe bangen vor allem die Nichten und Neffen des dahingeschiedenen Paares: die Geschwister Aline, Céline, Pauline und Philippe Cardin sowie Bernard und Hélène, die Kinder von Simons Schwester Kati.

Kaum eine Familie, durch die sich nicht auch ohne Erbschaftsstreitigkeiten Risse ziehen - und so verhält es sich auch in diesem Fall. Milieu und sozialer Status tragen ebenfalls dazu bei, Vorurteile und Empfindlichkeiten zu schüren. Da ist die wenig glanzvolle Familie Cardin mit ihren vier Kindern aus der Alpenkleinstadt, und auf der anderen Seite die bessergestellte, etwas hochnäsige Verwandtschaft aus Lyon: "Die Tugenden ihres Vaters waren fest in eine ehrliche trockene Haut eingewickelt, während die Fehler des Onkels in fröhliche, farbige, ölige Gemütlichkeit verpackt waren. Und die Tante erschien ihr immer als die junge und lustige Tante mit den extravaganten Kleidern und den rot gelackten Fingernägeln, während die Mutter als graue Maus durch die Wohnung trottete."

Aber auch durch die Reihen der vier Geschwister Cardin zieht sich eine Trennlinie der Konkurrenz. Ihre unterschiedlichen Charaktere treten in dieser ungeklärten, nervenaufreibenden Situation noch deutlicher zutage: Aline ist die stets ein wenig abseits stehende verschlossene Älteste; um die etwas naive Pauline wiederum muss man sich immerzu Sorgen machen, währenddessen Bruder Philippe von leichtlebiger Natur ist.

Die vierte im Bunde ist die kluge Céline, aus deren Perspektive die Geschichte auch erzählt wird. Sie arbeitet als Dolmetscherin - in all den Wirren aus heimlichen und offenen Unterstellungen sowie Missverständnissen ein durchaus symbolhafter Beruf.

Sprachgewandt beschreibt sie alle Familienmitglieder in einem eigenen Kapitel mit scharfem, zum Teil unterkühlt-ironischem, zum Teil aber auch warmherzigem Blick und führt die Leser nebenbei immer wieder zurück in die Vergangenheit der komplexen Familiengeschichte.

Mit Céline als Erzählerin gelingt Sylvie Schenk trotz des nicht sehr originellen Settings einer Erbschaftsauseinandersetzung ein durchaus tiefgründiges Drama um persönliches Gerechtigkeitsempfinden, Selbstzweifel und Identitätssuche. Tatsächlich eine ganz gewöhnliche Familiengeschichte, wäre sie nicht so ungewöhnlich scharfsinnig beobachtet - und dermaßen gut geschrieben.