Begonnen hatte alles damit, dass Vater und Tochter das Altern in einem Buch dokumentieren wollten. Und Gespräche über das Altwerden - "Altwerden ist harte Arbeit mit sehr langen Arbeitszeiten", gibt der Vater einmal zu Protokoll - bilden leitmotivisch das Grundgerüst des Romans. Nicht geplant war, dass das Alter einen der Protagonisten schneller einholt, als diesem lieb ist. Der Vater bemerkt bei den Gesprächen mit seiner Tochter, dass ihm immer öfter die richtigen Worte nicht mehr einfallen und seine Erinnerung immer mehr Lücken aufweist, bis er schließlich sogar seine Tochter nicht mehr erkennt.

So wird aus dem ursprünglichen Sachbuchprojekt Schritt für Schritt ein virtuos konstruierter Roman über Kindheit, berühmte Eltern, Patchwork-Familien, die Fragilität von (Eltern-Kind-)Beziehungen und - immer wieder - die Mühen des Alterns.

Unstetes Künstlerleben

Der Roman "Die Unruhigen" bietet eine Leseerfahrung von besonderer Eindringlichkeit. Die Autorin, Linn Ullmann, verzichtet darauf, ihre Eltern darin bei ihrem Namen zu nennen: Ingmar Bergman und Liv Ullmann sind auch ungenannt stets präsent. Das sachliche "Vater" und "Mutter" beziehungsweise "Ich" und "Das Mädchen" dienen der Autorin dazu, ihre Geschichte ins Beispielhaft-Allgemeingültige zu übertragen. Der Romantitel "Die Unruhigen" bezieht sich sowohl auf ihr eigenes als auch auf das unstete und unruhige (Künstler-)Leben ihrer Eltern (Liv Ullmann und Ingmar Bergman lernten einander Mitte der 60er Jahre bei Dreharbeiten kennen und lieben - und waren nur wenige Jahre ein Paar ).

Linn Ullmann wuchs bei ihrer Mutter auf und führte das rastlose Leben einer Schauspielertochter zwischen Oslo, Paris, London, Rom und New York. Die Ferien verbrachte sie stets bei ihrem Vater auf der Insel Farö - oft zusammen mit ihren Halbgeschwistern. Die gemeinsame Zeit mit dem Vater bestand überwiegend aus Regeln. Pünktlichkeit und klare Strukturen waren dem berühmten Regisseur - Ingmar Bergman hatte neun Kinder mit sechs Frauen - sehr wichtig. Und so überrascht es nicht, dass sich die Kinder für sogenannte "Sitzungen" anmelden mussten, um ihn im Arbeitszimmer zu besuchen. Dort saßen sich Vater und Tochter dann aber entspannt, die Füße leger auf einen gemeinsamen Hocker gelegt, gegenüber und redeten über Liebeskummer und Beziehungsfreuden, über Kunst und Alltag, über Gott und die Welt.

Linn Ullmann ist keine Autorin, die mit lauten Tönen arbeitet. Doch sie spricht mit jedem Ton Herz und Hirn an. Obwohl sie den Alltag einer Patchwork-Künstlerfamilie nicht nur in bunten Farben malt, ist das Buch keine bittere Anklageschrift geworden. Es geht in diesem Roman immer auch um die Liebe, die Sehnsucht nach ihr, um ihre fragile Beschaffenheit und um all die Dinge, die zerbrechen, wenn die Liebe nicht mehr stark genug ist.

Hilflosigkeit

Warmherzig und verständnisvoll schildert die Autorin das mitunter von Getriebenheit und Rastlosigkeit geprägte Leben ihrer Eltern; sehr berührend und gleichzeitig beklemmend erzählt sie vom Alterungsprozess ihres Vaters. Die Tochter beschreibt die Wehr- und Hilflosigkeit, mit der der prominente Filmemacher den Erfahrungen des Alterns gegenübersteht: Er weiß nicht mehr, mit wem er gerade spricht. Er stockt mitten im Satz, weil ihm die passenden Worte nicht mehr einfallen. Er findet im eigenen Haus den Weg zur Toilette nicht mehr - und sich selbst die Schuhe zu binden, wird zur Schwerarbeit.

Auf ebenso eindringliche wie einfühlsame Weise erzählt Linn Ullmann von schwindenden Gewissheiten, von der für alle Menschen - ob nun berühmt oder nicht - unabwendbaren Vergänglichkeit und von der Tatsache, dass Altwerden immer auch Abschiednehmen heißt. Die Moral des Romans: es gibt kein ungetrübtes Glück auf dieser Welt. Trotzdem lohnt sich die Suche danach. Wie sich auch die Lektüre dieses literarischen Kabinettstücks unbedingt lohnt.