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Als durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert viele Handwerker ihre Arbeit verloren, entstand in Großbritannien mit der Arts-and-Crafts-Bewegung unter William Morris eine Gegenbewegung zur Mechanisierung der Arbeitswelt. Seine Ablehnung der industriellen Maschinenproduktion und ihrer qualitativ minderwertigen Produkte führte zur Wiederbelebung des Kunsthandwerks, die auch in Deutschland großen Widerhall fand.

Maschinelle Produktion wurde im Gegensatz zur Arts-and-Craft-Bewegung jedoch nicht abgelehnt. Das war die Basis, auf der 1919 das "Staatliche Bauhaus" in Weimar entstand, die damals modernste und gleichzeitig umstrittenste Kunstschule. Ihr Leiter und Begründer, der Architekt Walter Gropius, verkündete in seinem Manifest das primäre Ziel der Schule: "Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!" Dass zwischen Künstler und Handwerker kein Unterschied sein sollte, drückt sich im Namen Bauhaus aus, eine Anlehnung an die Bauhütten der mittelalterlichen Kathedralen und Kirchen, in denen Künstler und Handwerker gleichwertig zusammenarbeiteten. Gropius verpflichtete daher alle Schüler, sich in einem Vorkurs mit der Beschaffenheit von Materialien sowie den Eigenschaften von Formen und Farben vertraut zu machen.

Danach konnten sie sich für Studien in den Bereichen Metall, Weberei, Keramik, Möbel, Typografie oder Wandmalerei entscheiden. Doch Gropius‘ Prämisse, dass sich die Form der Funktion unterzuordnen habe, stieß nicht nur auf Gegenliebe, und das Bauhaus und seine Schule sahen sich oft heftiger Kritik ausgesetzt, die letztendlich 1933 in der Schließung der Schule durch die Nationalsozialisten mündete. Doch ihre Mitglieder wie Ludwig Mies Van der Rohe, Johannes Itten, Wassili Kandinsky, Laszlo Moholy-Nagy, Marcel Breuer, Wilhelm Wagenfeld, Paul Klee oder Oskar Schlemmer sind bis heute unvergessen, ihre Werke, vor allem aber die Architektur, waren Wegbereiter für die Moderne und werden weiterhin in ihren Grundlinien verwirklicht.

Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Gründung des Bauhauses gibt es das umfangreiche Werk der Kunsthistorikerin und langjährigen Mitarbeiterin im Bauhaus-Archiv in Berlin, Magdalena Droste, in einer aktualisierten Ausgabe. Über 250 neue Fotografien, Schriften, Studien, Skizzen, Pläne und Modelle dokumentieren die realisierten Arbeiten, Aufnahmen beim Gruppenturnen oder Zeichnungen aus dem Unterricht von Paul Klee. Ausführliche Baupläne oder die Aschenbecher von Marianne Brandt sind Zeugnisse einer idealistischen Kreativgemeinschaft, die entschlossen war, Gestaltung völlig neu zu denken und eine bessere Zukunft für moderne Menschen zu formen. Dass das Buch nach Themen und nicht chronologisch geordnet ist, ist manchmal etwas verwirrend. Drostes Stil ist mitunter sperrig und unpersönlich, und der Schluss ist total abrupt, dennoch bietet das Buch einen interessanten Einblick in eine zwar nur kurze, aber nachhaltig wirkende Ära der Architektur und Kunst.