"Kumpelt" den Leser an: Michael Kumpfmüller. - © Einarspetz
"Kumpelt" den Leser an: Michael Kumpfmüller. - © Einarspetz

Dieser Romananfang sagt eigentlich schon alles: "Ora war Anfang vierzig, als ich sie kennenlernte, der Typ gut aussehende Frau, die über ihre Wirkung genau Bescheid weiß, auf eine ihr lästige Weise verwöhnt, als hätte sie sich, seit sie fünfzehn war, zu ihrem Lobpreis mindestens dreimal das Hohelied anhören müssen", und so fort. Kurz: Ein älterer Mann, in eine jüngere Frau verliebt, kommt ins Erzählen, in diesem Fall vom ersten gemeinsamen Urlaub mit dem geliebten Subjekt.

Reiseroute folgt Song

Der Erzähler und seine Ora fahren an die Westküste der Vereinigten Staaten, zwei Wochen lang. Ihr vornehmliches Reiseziel lautet: sich besser kennenzulernen. Denn, das wissen alle Paargeplagten, so eine Reise ist immer auch ein Test, inwieweit man die Macken und Nebenwirkungen des Anderen ertragen lernen möchte.

Man schreibt das Jahr 2016, und es dauert nicht mehr lange, bis Donald Trump zum 45. Präsidenten gewählt werden wird. Das muss die zwei Liebenden nicht weiter interessieren, denn ihre Reise folgt der Route von Oras Lieblingssong "June On The Westcoast" von Bright Eyes. Keine schlechte Idee, um diese Roadnovel in Gang zu bringen beziehungsweise am Laufen zu halten.

Jedes Kapitel ist mit der jeweiligen Ortsangabe, den gefahrenen Meilen und der benötigten Zeit überschrieben. Das ist ganz nett, auffallender aber ist, wie hier vom Sex erzählt wird, ohne explizite Bettszenen zu beschreiben.

Manch schöne Einsicht hält der Roman zudem bereit: "Lieben war Drecksarbeit, eine elende Plackerei." Doch Michael Kumpfmüller, der zuletzt in "Die Herrlichkeit des Lebens" dem sagenhaften Liebesleben Kafkas hinterherspürte und in "Die Erziehung des Mannes" eine mit allen Weisheiten der Gegenwart gewaschene Biografie eines prototypischen Mannes geschrieben hat, begnügt sich diesmal mit der sommerfrischen Geschichte einer Annäherung: Ora und den Ich-Erzähler verbindet nicht nur eine kurze Bekanntschaft, sondern auch ein Vorleben samt anderen Partnern sowie eine gewisse psychische Indisponiertheit. Beide nehmen sie Tabletten, um ihr Dasein auszuhalten. Beide wissen sympathischerweise nicht, wie das Leben geht. Es handelt sich um zwei seelisch Versehrte, die sich gefunden haben, wie man ein Geldstück findet.

Äußerlich geschieht in diesem Buch nicht eben viel, von den ständigen Ortswechseln einmal abgesehen. Ora erweist sich als eine Frau, die man nicht glücklich machen kann, wie sie selbst einmal sagt, und er ist gedanklich wie emotional noch sehr mit seiner Ex-Frau Lynn und den damaligen Auseinandersetzungen beschäftigt. Dass er sie ausgerechnet Lynn nennt, ist zumindest erstaunlich. Denn so hieß ja auch die Verlagsangestellte, mit der Max Frisch einst in den Vereinigten Staaten auf Reisen ging, wie in seiner bekannten Erzählung "Montauk" nachzulesen ist.

Aufgesetzte Leichtigkeit

Diese Frau (bei Frisch) war halb so alt wie der Erzähler, und die Reise mit ihr diente auch der Erörterung der Frage, wie man über sich selbst schreibt, ohne von sich zu erzählen oder umgekehrt.

Fragen, die sich auch Kumpfmüller gestellt haben mag, ansonsten trennen die Bücher naturgemäß Welten. Immer wieder spricht Kumpfmüllers Erzähler den Leser direkt an, kumpelt ihn förmlich an: "Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie mit ersten Reisen gemacht haben (. . .)". Das fügt sich gut in den unbedarft wirkenden Plauderton, den er diesmal anschlägt. Leider verbündet sich der mit aufgesetzter Leichtigkeit, permanentem Augenzwinkern und reichlich biederem Witz. Kurz: Es gibt viel mehr Einwände als Pluspunkte, die sich bezüglich Machart und Inhalt dieses Romans ins Feld führen lassen. Man liest ihn aber trotzdem gern.