Freilich, es ist nicht mehr so wie kurz nach dem Tod Thomas Bernhards vor 30 Jahren, als sich "naturgemäß" viele junge Schriftsteller im charakteristischen Stil und Rhythmus des Vorbilds übten. Germanist Wendelin Schmidt-Dengler meinte gar, jene, die den "Kotau vor Thomas Bernhard auf penetrante Weise überziehen, sollten dazu angehalten werden, einen Teil ihrer Tantiemen den Rechtsnachfolgern ihres Vorbildes zukommen zu lassen". Die wenigsten gehen aber so weit wie Daniel Kehlmann, der sich den Luxus einer durchaus seltenen Meinung gönnt: "Ich mochte Thomas Bernhard nie, das habe ich immer schon gesagt. Für mich ist Literatur die Kunst des genauen Hinschauens, die Kunst der Überraschung und der Beschreibung, die versucht, einen neuen Blick auf Dinge zu werfen. Bernhard steht für das Gegenteil: Sein Werk besteht aus sich selbst reproduzierender Sprache, die immer weltloser wird, nicht mehr hinschaut und immer weniger Überraschungen bereithält. Bernhards Stellung als hoch geförderter Autor, der zugleich den Nimbus des Verfolgten hat, hat etwas sehr Österreichisches."

Motivationsmethode

Auf der Suche nach dem Einfluss Thomas Bernhards wird man aber sehr wohl in der aktuellen Literatur fündig, und zwar auch in der internationalen. In Jonathan Franzens Roman "Freiheit" etwa gibt es eine Figur, die ein Faible für die Texte des Österreichers hat. Sie liest die Bücher beim Essen, um sich davon abzulenken, dass es wieder einmal nicht schmeckt. Franzen selbst hat übrigens in einem Interview mit der "Welt" erzählt, dass er sich auch ganz praktisch an Bernhard orientiert: "Ich habe letzten Sommer ein Haus gekauft, das ich mir eigentlich nicht leisten konnte, teils um mich unter Druck zu setzen und mich zum Geldverdienen zu zwingen. Soweit ich weiß, ist das die Thomas Bernhard-Methode..."

Manche sehen auch in dem schwer gehypten autobiografischen Mammutprojekt von Karl Ove Knausgard "Mein Kampf" Anklänge an Thomas Bernhard. Letzterer hat bekanntlich seine Kindheit und Jugend in fünf knappen Teilen literarisch verarbeitet, von Knappheit ist bei Knausgard keine Rede. Die Indizien für die Bernhard-Nähe: Knausgard hat schon als junger Mann Thomas Bernhard nachgeeifert (Wendelin Schmidt-Dengler-Alarm!). Außerdem wird der Norweger nicht müde, seine Verehrung für Bernhard zu betonen: "Ich liebe ihn, er ist einer der finstersten und lustigsten Schriftsteller. Jeder sollte ,Auslöschung‘ gelesen haben". Aus der Riege der österreichischen Schriftsteller lässt sich ein besonders auffälliges Beispiel herausgreifen. Barbi Markovic hat, damals, 2006, noch auf Serbisch, ein besonderes Literaturexperiment gewagt: Sie "übersetzte" Thomas Bernhards Erzählung "Gehen" in die Variation "Ausgehen" und damit in die Clubbingszene von Belgrad. Getreu der damals um sich greifendenden "Remix"-Kultur legte sie Satz für Satz das Original in das Nachtleben und die Sinnentleerung der serbischen Nachkriegszeit.