Jetzt haben sie ihr noch ins Grab nachgetreten, der vergangenen Mittwoch verstorbenen Rosamunde Pilcher. Zugegeben, es waren sanfte Tritte. Das deutschsprachige Feuilleton ist schon ganz anders über die britische Autorin hergefallen. Aber "Kitsch" und "Königin des Schnulzenromans" musste doch noch sein und "seichte Unterhaltung" auch. Weil‘s wahr ist und man sowas ja wohl noch schreiben wird dürfen. Wobei die Bezeichnungen mindestens so schablonenhaft auf die Autorin herabregnen, wie ihre Bücher sein sollen. Um deren differenziertere Bewertung man sich übrigens mit dem Verweis auf die Filme herumdrückt. Gerade einmal Anna Basener (auf "Zeit online") singt, nicht ohne Ironie, aber doch deutlich zu vernehmen, das Lob der Pilcher.

Dem kann man sich nur anschließen.

Wohlfühlromane und Depressionsgeschichten

Gewiss: Dass die Pilcher kein Goethe war, oder, um im angloamerikanischen Raum zu bleiben, auch keine Emily Brontë und kein Thomas Hardy, versteht sich von selbst. Aber wer ist schon von der sogenannten Hochliteratur ein Goethe, eine Emily Brontë, ein Thomas Hardy? Unweigerlich kommt einem die grandiose ironische Miniatur des russischen Großmeisters des Absurden Daniil Charms in Erinnerung: "Puschkin ist ein großer Dichter. Napoleon ist nicht so großartig wie Puschkin. Und Bismarck ist im Vergleich zu Puschkin ein Nichts. Und Alexander I. und II. und III. sind nur Seifenblasen im Vergleich zu Puschkin. Überhaupt sind alle Menschen Seifenblasen im Vergleich zu Puschkin, nur im Vergleich zu Gogol ist Puschkin selbst eine Seifenblase. Und deshalb schreibe ich Ihnen anstatt über Puschkin lieber etwas über Gogol."

So mögen sich die Hochfeuilletonisten über die Höhe der von ihnen als Hochliteratur gepriesenen Hervorbringungen streiten, während man als Leser zur guten alten Pilcher greift, weil man sich entspannen und unterhalten und ganz einfach gut fühlen will.

Aber dazu ist die Literatur nicht da, donnern im einstimmigen Chor die Hochfeuilletonisten, Literatur hat unbequem zu sein, und wenn der Leser nach der Lektüre nicht am besten Antidepressiva braucht, um wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können, zumindest aber verstört ist und verunsichert und voller Fragen das Buch zuschlägt, dann ist es ein Trivialautor. Geht es einem nach einem Buch besser, ist es Kitsch, geht es einem nach einem Buch schlechter, ist dessen Autor ein Genie. So ungefähr lautet die Hochfeuilletonistengleichung für Hochliteratur. Auf diese Weise führt von der Suizid-Welle im Gefolge von Goethes "Werther" ein schnurgerader Weg zu Brechts offenen Fragen am Schluss seines Dramas "Der gute Mensch von Sezuan".