Bernard MacLaverty, 1942 in Nordirland geboren, lebt heute in Glasgow und ist Autor zahlreicher Romane. - © Robert Burns
Bernard MacLaverty, 1942 in Nordirland geboren, lebt heute in Glasgow und ist Autor zahlreicher Romane. - © Robert Burns

"Heiraten heißt sein Möglichstes tun, einander zum Ekel zu werden", befand der Philosoph Schopenhauer, der es wissen musste, denn er war nicht verheiratet.

Man muss indes kein wehrhafter Junggeselle sein, um die Ehe schlechtreden zu können; eindrücklicher wirken die Urteile aktueller und ehemaliger Verheirateter, die im Ehestand schwere Zeiten durchgemacht haben und seither nur noch gebeugt durchs Leben schleichen. Allerdings, und das freut uns, findet die Ehe, die ja in der Regel eine Freiwilligenveranstaltung ist, noch immer ihre Befürworter. Rührende Geschichten von Liebesabenteuern lassen sich abrufen, die in der Ehe zur Ruhe kamen und dennoch an Wert und Innigkeit gewannen, sodass der Alltag, Hauptfeind aller Liebenden, eine Ruh’ gab und nicht mehr groß stören mochte.

Ehe als harte Arbeit

Der Roman "Schnee in Amsterdam" des nordirischen Autors Bernard MacLaverty (Jg. 1942) erzählt eine solche Liebesgeschichte, die sich in der Ehe zu bewähren hatte, was, zumindest im Rückblick, als harte Arbeit erscheint, die noch nicht ausgestanden ist. Stella und Gerry, die beiden Hauptpersonen des Romans, sind lange zusammen; sie leben in Glasgow, haben einen erwachsenen Sohn, der sich in Kanada niedergelassen hat, und sind ansonsten sehr aneinander gewöhnt.

Ihre Ehe würden sie, wenngleich nach einigem Zögern, als glücklich bezeichnen; sie ist es wohl auch, aber die Jahre haben Spuren hinterlassen. Besonders Stella bekommt es mit vagen

Ausbruchsvisionen zu tun, über die sie selbst erschrickt. Sie ruft sich, durchaus altersgerecht, zur Ordnung: "Allein der Gedanke, ihn zu verlassen, schien eine Unmöglichkeit. Es gab zu viel zu tun . . ."

So viel kann das aber nicht mehr sein, was es da noch zu tun gibt; die selbstverordnete Zufriedenheit braucht ihre Ausflüchte, um Stabilität vortäuschen zu können. Ein verlängertes Wochenende soll helfen, auf andere Gedanken zu kommen. Es geht nach Amsterdam, das seine Reize hat, auch im Winter. Gerry macht mit, er ist ohnehin nicht so wählerisch, und Bedenken gönnt er sich nur, wenn sie sich nicht vermeiden lassen.

Stellas Mann, so scheint es, ist eine zur Ruhe gekommene Frohnatur. Der Alkohol hilft ihm; schon seit längerem trinkt er mehr, als ihm guttut. Dabei bemüht sich Gerry um Unauffälligkeit; noch nie ist er ausfällig geworden, und zum Nachschenken zieht er sich am liebsten in die eine oder andere Ecke zurück, die er für uneinsehbar hält. Stella aber weiß längst Bescheid, und in ihr rumort ein leiser Zorn, von dem sie befürchten muss, dass er sich nicht mehr, wie bisher, disziplinieren lässt, sondern ausbricht.

Anmutung von Stille

Der Kurzurlaub bringt Klarheit, ohne dass deswegen gleich eine Entscheidung getroffen werden müsste. Der Winter, mit sanftem Schneefall und gelegentlichen, für Amsterdam ganz untypischen Anmutungen von Stille, macht sich auch an der Erinnerungswelt des Ehepaars zu schaffen. Verdrängte Geschehnisse kommen zum Vorschein, die vermutlich auch bei Anderen in die Verschwiegenheit abgedrängt worden wären.

"Schnee in Amsterdam" ist ein behutsames, wehmütig stimmendes Buch, das Stella und Gerry nicht ganz hoffnungslos zurücklässt. Es geht immer weiter, wissen wir, was nicht zuletzt auch für die Liebe gilt, die sich im Alter, wenn man denn Glück hat und nicht vor der Zeit klein beigibt, neu beglänzen lässt: "In diesem grauen Licht neben Stella zu sitzen schien Gerry (. . .) etwas Wunderbares zu sein, trotz des Albtraums ihrer Umgebung. (. . .) Für ihn war ihre Gegenwart so wichtig wie die Welt. Und wie die Sterne in ihr."