Ambitionierte Autorin: Laura Freudenthaler. - © Marianne Andrea Borowiec
Ambitionierte Autorin: Laura Freudenthaler. - © Marianne Andrea Borowiec

Je abstrakter ein Gegner ist, desto größer wird er. Aus Ahnungen werden Ängste, aus Verunsicherungen Wahnvorstellungen. Gerade diese oftmals feinen, kaum wahrnehmbaren Übergänge zu beleuchten, setzt große sprachliche Sensibilität voraus, wie sie Laura Freudenthaler in ihrem neuen Roman, "Geistergeschichte", unter Beweis stellt. Auch wenn der Titel im ersten Moment an eine Hollywood- oder Lagerfeuerstory mit Gruseleffekt erinnern mag, birgt er reales Dasein in seiner reinsten und unverstellten Form. Erzählt wird von den Schicksalsjahren einer Partnerschaft, von toxischem Misstrauen und Entfremdung.

Eigentlich führt Anne mit ihrem Mann bisher eine gefestigte Beziehung. Man hat zwei Wohnsitze, darunter ein Haus am See, geht geregelten Arbeiten nach, kurzum: bewältigt gemeinsam die Herausforderungen des Alltags, bis sich langsam die Anzeichen für eine Affäre von Thomas mehren. Fortan durchsucht die Protagonistin nachts dessen Manteltaschen, notiert akribisch Restaurantrechnungen, versucht dessen Tage zu rekonstruieren.

Sie selbst verbringt sie in der Stadt, wo sie ziellos durch Kaffeehäuser zieht. Es herrscht blankes Gedankenchaos, hervorgerufen durch ein Phantom, das von Anne nur "das Mädchen" genannt wird. Bald schon wird die Suche nach Belegen zur Obsession. Überall vermutet sie ihre Widersacherin und glaubt sie zuletzt gar in der eigenen Wohnung zu sehen und zu hören. Die Allpräsenz der geisterhaften Verführerin greift derartig Raum, dass Thomas’ Frau sich zunehmend verwaist vorkommt.

Laura Freudenthalers aus psychologischer Sicht höchst ambitionierter Roman ermöglicht ein sanftes Befühlen der Leere. Selbst auf der Ebene des Körpers zeichnet sich die zunehmende Identitätskrise der Klavierlehrerin ab: "Die Hände bewegen sich nicht. Erst als Anne vom Notenblatt hinunter auf die Hände blickt, spielen sie die ersten Takte. Als Anne den Blick wieder zu den Noten hebt, verharren die Hände. Wie eine Anfängerin bemüht Anne sich, möglichst rasch zwischen Noten und Händen hin und her zu schauen, und die Hände benehmen sich, als hätten sie noch nie allein gespielt." Nicht mehr Herrin im eigenen Seelenhaus, fügt sie sich an anderer Stelle überdies Wunden zu, um sich selbst wieder zu spüren.

Vom anfänglichen Zweifeln bis zu getrennten Schlafzimmern und all den physischen und psychischen Wunden spiegelt "Geistergeschichte" minutiös die Dramaturgie eines gegenseitigen Verlierens wider. Jede Silbe, jedes Geräusch, selbst der Klang der Tritte durch die Wohnung ändert sich. Allem wohnt der Geist der Trennung inne. Selbst die immer wieder knarzende Schwelle im Parkettboden von Annes und Thomas’ Wohnung wird zum Inbegriff empfindlicher Dissonanz. Ihr steht die Sehnsucht nach dem großen Gefühl gegenüber, das lediglich in einem Einstmals noch aufschimmert.

Überhaupt sind Erinnerungen - als Segen und Fluch gleichermaßen - das zentrale Thema Freudenthalers. Bereits in ihrem Debüt, "Die Königin schweigt" (2017), erzählt die 1984 in Salzburg geborene Autorin von einer Frau, die in ihren nächtlichen Träumen immer wieder von ihrer Vergangenheit heimgesucht wird.

Es ist der Kontrollverlust und die Erfahrung, dem Lauf der Dinge ausgeliefert zu sein, die Laura Freudenthalers Schreiben voll und ganz durchdringt. Bemüht darum, dabei so nah wie möglich an ihre Figuren heranzukommen, bedient sie sich einer von allem Sprachballast befreiten Lakonie. Sie schält förmlich die Sätze, bis nichts als pure Wirklichkeit übrig bleibt: Gefühle, Gesten, Atem, Blicke und trotz aller Traurigkeit stets die kleinen Momente der Hoffnung.

So lässt auch der Schluss dieser Geschichte die Option zu, dass Thomas und Anne möglicherweise noch zu einem gemeinsamen Weg zurückfinden. Hinter ihnen liegt eine kräftezehrende Odyssee. Für uns mag die Lektüre eine der wichtigsten Funktionen des Lesens erfüllen: Mit jeder Seite erkennen wir besser, was Empathie in unserem vielschichtigen Verhältnis zum anderen bedeutet.