Eine ganz normale Jugend in heutiger Zeit, so könnte man den Inhalt des zweiten Romans von Marie-Luise Lehner, "Im Blick", resümieren. Die Ich-Erzählerin ist jung, lesbisch und auf der Suche nach Glück. Die Autorin beschreibt die gemeinsam verbrachten Jugendjahre zweier Freundinnen, von denen beide ein bisschen ineinander verliebt sind, aber nicht recht zueinanderfinden. Denn da gibt es auch noch eine Dritte im Bunde, die Wölfin genannt, die sich immer wieder zwischen die Zweisamkeit der beiden zwängt.

Vor diesem Hintergrund des jugendlichen Hin und Her beobachtet man die Mädchen in ihrem Aufwachsen: beim Trinken, beim Rauchen, beim Koksen, im Bett. Manchmal mit Männern, meistens mit Mädchen. Es ist die Stimme einer feministischen Jugend, die sich mit diesem Buch zu Wort meldet und die Stellung der queeren Minderheiten beansprucht. All das in einer simplifizierten Sprache, der keine Schnörkel anhängen, weder im Guten, noch im Schlechten. Diese Sachlichkeit erlaubt vereinzelt schöne Beschreibungen, wenn es um die Liebe geht, gerade weil sie so einfach daherkommen. "In deiner Anwesenheit aber fühle ich mich auf einmal sehr schön, weil du mir sagst, dass du mich schön findest, das macht mich ein bisschen nervös und ein bisschen selbstbewusst."

Dabei wird die Frau aber auch und vor allem in der Rolle der Bedrängten gezeigt. Sie selbst wird von einem Betrunkenen belästigt, eine Freundin von einem Kollegen und eigentlich entsteht mehr und mehr der Eindruck, dass an jeder Straßenecke ein wollüstiger Mann lauert, allzeit bereit, über Frauen herzufallen.

Dazu kommt der ganz normale Alltagssexismus: Männer, die nicht aufhören, Frauen auf ihre Körperlichkeit zu reduzieren. Paradebeispiel dafür ist der Kunde im Restaurant, der ihr als Kellnerin zwar Komplimente macht, sich den Wein aber vom Koch empfehlen lässt. Der Ärger über dieses Verhalten steht im Vordergrund, die Frage, ob sie den Wein hätte empfehlen können, bleibt aber offen.

In dieser Hinsicht ist das Buch auch - und vor allem - eine Anklage gegen Männer, was schade ist. Man muss sich nämlich fragen, ob die Wut, die den Ton dieses Romans bestimmt und ihn damit in die #MeToo-Bewegung einreiht, der richtige Weg ist. Denn genau diese Werke mit feministischem Anspruch schreiben in ihrer wiederholten Inszenierung der Frau als Opfer und des Mannes als Täter die Rolle der Frau ebendort fest, wo sie sie eigentlich nicht haben wollen.