Schreibt über "gute Reisen" und "bad trips": T.C. Boyle - © Archiv
Schreibt über "gute Reisen" und "bad trips": T.C. Boyle - © Archiv

"Welcome to the camp, I guess you all know why we’re here!" - diese Begrüßungszeile stammt nicht aus dem neuen Roman von Thomas Coraghessan Boyle, sondern aus der Rock-Oper "Tommy" der britischen Band The Who, in der es um genau dasselbe Thema geht: Eine synthetische Droge, umgangssprachlich Acid (Säure) genannt, die extreme Lichtempfindungen und Halluzinationen auslöst. Wer auf einem Trip ist, vermeint Farben schmecken zu können und sieht in trauter Freundesrunde plötzlich wie im Prater-Zerrspiegel Hexengesichter und Clowns. Um LSD-Experimente und ihre fatalen Folgen geht es auch in Boyles neuem ‚Roman, "Das Licht", dessen Einband sogar halluzinogen gestaltet ist, sodass der Rezensent ihn umgedreht hat, um beim Lesen nicht abgelenkt zu werden.

Zentrales Motiv des musikalisch gebildeten wie auch campuserfahrenen Autors sind die LSD-"Sessionen" der 1960er Jahre. In gemeinsamen Sitzungen unter Leitung erfahrener "Führer" sollten sich für Studierende die Türen zu einer neuen Bewusstseinsebene öffnen. Selbstdokumentationen und analytische Arbeiten sollten folgen, um "Überbau" und Rechtfertigung zu liefern. Die Rechnung ging aber nicht auf.

Genau recherchiert

Statt wissenschaftlichen Fortschritt zu generieren, wurde LSD dem damals herrschenden Zeitgeist geopfert, der sich störrisch von den Vorgaben der Elterngeneration abwandte. Viele junge Menschen der 60er Jahre begehrten gegen eine materialisierte Gesellschaft und die Kriegsabenteuer in Indochina auf. Dazu gesellte sich der uralte menschliche Traum, jene unheimlichen "doors of perception" aufzustoßen, hinter denen der Weg zum Selbst oder sogar zu Gott verborgen liegen soll. Das war natürlich eine glatte Illusion und half ebenso wenig wie die THC-begleitete Lektüre von Hesses "Glasperlenspiel" oder die zu Marihuanaduft klimpernden Sitar-Klänge von Ravi Shankar, mit denen Boyle die Stimmung und Jugendkultur dieser Epoche metaphorisch erfasst.

Ein weiterer Thomas, nämlich der Autor Thomas De Quincey, beschrieb die frühen Versuche, Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit durch halluzinogene Substanzen zu weiten. Der Drogenanalytiker, der um 1821 mit Opiaten ("Confessions Of An English Opium-Eater") und Psilocybin experimentierte, nahm jene Substanz vorweg, die der Chemiker Albert Hofmann um 1942 in Basel synthetisierte.

Zu dieser Zeit pumpten sich deutsche und amerikanische Jägerpiloten bereits mit Metamphetaminen voll, die ihre Empathiefähigkeit senkten und gefährliche Kampfmaschinen aus ihnen machten. Diese neuen, synthetischen Drogen hatten den sedierenden Opiaten und dem uralten Edelhanf einiges voraus, weil sie die sensorische Aufnahmefähigkeit kurzfristig steigerten und angeblich körperlich nicht süchtig machten. Aldous Huxley hat in seinem utopischen Roman "Brave New World" eine dem "Acid" ähnliche Droge beschrieben.