Der Autor nennt die an wie Rädchen funktionierende Gesellschaftsmitglieder ausgegebene Gleichgültigkeits- und Belohnungsdroge "Soma". In der "schönen neuen Welt", die Huxley als wenig erstrebenswerte Utopie zeichnet, müssen Gefühle durch Drogen kanalisiert werden. Nach "Soma" wurde im Übrigen sogar eine Limonade benannt, und auch "Coke" oder "Sprite" wecken ganz bewusst Assoziationen zu Kokain und drogenbedingten Highs.

Während John F. Kennedy am 22. November 1963 durch Schüsse des Attentäters Lee Harvey Oswald ums Leben kam, soll Huxleys Gattin ihrem - am selben Tag - verstorbenen Mann in seinen letzten Stunden wunschgemäß LSD verabreicht haben. So beschreibt es T.C. Boyle, und dieser Autor recherchiert bekanntlich genau, ehe er sich an die Tastatur setzt.

Der 70-jährige Wahlkalifornier widmet sich in "Das Licht" in gewohnter Weise dem Umgang mit der stärksten psychoaktiven Substanz des 20. Jahrhunderts. Historisch korrekt startet das erste Kapitel in der Schweiz mitten im Zweiten Weltkrieg. In den 40er Jahren ging es nicht um psychologische Experimente, wie sie in "Tommy" und in Boyles Roman eine Rolle spielen, sondern um ein pharmakologisches Experiment, das der Firma Sandoz Geld in die Kassen spülen sollte. So schildert es Boyle, der dem Chemiker Hofmann eine fiktive Helferin an die Seite stellt, die beim Selbstexperiment ihrem Idol und Chef, der auf LSD mit Fahrrad und Joppe unterwegs ist, stützend unter die Arme greift.

Statt für gemeinsame Sessionen mit Selbsterfahrungstrips sollte das im Zweiten Weltkrieg in einem Baselbieter Labor entwickelte LSD-25, von dem eine Dosis von rund zwanzig Mikrogramm genügt, um die Sinne entgleisen zu lassen, als enthemmende Psycho-Droge und somit auch als Heilmittel für bestimmte Geisteskrankheiten dienen. Tatsächlich aber zeigte sich bald, dass LSD brandgefährlich ist und schizophrene Leiden oder einen anhaltenden "Horrortrip" auslösen kann. Diese Wirkung hat in unsere Alltagssprache Eingang gefunden. ("Bist du auf einem schlechten Trip unterwegs?")

Außer Kontrolle

T.C. Boyle biografiert in "Das Licht" den LSD-Reiseveranstalter und Psychologen Timothy Leary. Dieser entwickelte sich in Harvard zu einem Guru, der gemeinsam mit Richard Alpert zahlreiche Jünger um sich scharte. Leary ging es bewusst darum, mittels LSD den "Kontrollturm des Gehirns" auszuschalten. Er veranstaltete problematische, da medizinisch nicht begleitete Experimente mit der zunächst frei erhältlichen Substanz. Für die älteren Kollegen waren das reine Drogenparties, nicht ernstzunehmende Sessionen eines Wissenschafters. Leary lud Doktoranden in seinen privaten Kreis im Haus eines sich auf Sabbatical befindlichen Völkerrechtsexperten ein.

Nicht zufällig erinnert die Wortwahl Boyles an einen früheren Roman, der auf Englisch "The Inner Circle" betitelt war und sich Alfred Kinsey und seinen Aufklärungsfilmen und -treffen widmete. Auf Deutsch hieß das Buch "Dr. Sex", womit klar wurde, worauf Kinsey privat größten Wert legte - und womit er seine Anhänger in Sinnkrisen trieb.