Boyle öffnet die Büchse der Pandora ein zweites Mal, denn auch Leary nutzt die Enthemmung seiner Probandinnen zum sexuellen Missbrauch, wozu die Anmietung eines Hotels an der mexikanischen Pazifikküste beste Dienste leistet. Doch im zweiten Sommer endet dieses fragwürdige Idyll, die örtlichen Behörden weisen die "Wissenschafter"-Kommune aus. Nachdem Alpert und Leary auch in Harvard entthront werden und ihre Lehrstühle verlieren, geht das Treiben in einem Luxusanwesen nahe Poughkeepsie in New York weiter. Das teure Sandoz-LSD (Delysid) wird durch in Kanada vertriebene tschechische Generika ersetzt, die Dosen hingegen steigen immer weiter.

Der meisterhafte Romancier versteht es auch diesmal, einen Handlungsstrang in den Roman zu bringen, der so überzeugend wirkt, dass man das Buch in der Tat verschlingt. Daher stört es nicht weiter, dass sich die Motive ähneln, und nicht nur Alfred Kinsey, sondern auch Timothy Leary einen Kreis um sich schart, in dem er die Hauptrolle spielt. Auch hier wird ein nichts ahnendes Paar (noch dazu mit Kind) missbraucht, ehe es der Kleinfamilie gelingt, sich aus den Fängen der Leary-Kommune zu befreien.

Mit der geplanten Dissertation des motivierten Doktoratsstudenten Fitz wird es allerdings nichts. Somit opfert er die wissenschaftliche Karriere dem Guru, während er seine physische und mentale Gesundheit mit Ach und Krach aufrechterhalten kann. Boyle zeigt die lebensgefährliche Nonchalance im Umgang mit den psychoaktiven Substanzen auf: Leary und seine Kollegen ignorieren die Rezeptpflicht, verzichten auf medizinische Begleitung und geraten an den Rand der ethischen Codes der renommierten Wissenschaftsschmiede in Cambridge, Massachusetts.

Mit Jazz-Zitaten

Boyle beschreibt eindrucksvoll die Experimente und beleuchtet kritisch die sozialen Erfahrungen der Probanden: Licht wird für jene, die auf dem Trip sind, spürbar, alle Sinne sensibilisieren sich aufs Äußerste, Glücksgefühle begleiten eine "gute" Reise, wogegen der "Bad trip" Psychosen, Panikattacken und Angstzustände auslöst. Vor allem aber bleiben die menschlichen Grundbedürfnisse und sozialen Muster bestehen, auf Euphorie folgt der Katzenjammer. Wieder einmal scheitert eine drogenaffine Boyle-Kommune, wie schon im Roman "Drop City" aus dem Jahr 2003.

Wie immer wartet Boyle auch mit musikalischen Zitaten auf, diesmal aus der Jazz-Szene (darunter das Modern Jazz Quartet, Miles Davis oder John Coltrane). LSD motivierte viele Künstler, Transzendenzerfahrungen zu beschreiben oder zu besingen. Anspielungen auf Designerdrogen gab es in den 60er und 70er Jahren reichlich. Selbst wohnzimmertaugliche Bands wie die Beatles und die Rolling Stones tauchten in das Milieu psychoaktiver Substanzen ein.

Hartnäckig hält sich das alte Gerücht, dass der Beatles-Song "Lucy In The Sky With Diamonds" nicht nur das Akronym LSD enthält, sondern im Refrain verdächtige Parallelen zum Licht-Erlebnis eines Trips aufweist, obwohl Paul McCartney stets treuherzig betonte, dass dieses Lied nichts mit der Droge zu tun habe.

Hingegen war von Anfang an klar, dass Pink Floyds Mastermind Syd Barrett nicht nur Wortspiele betrieb, sondern die psychedelische Wirkung der Musik durch die Schöpfung farbenreicher Soundkaskaden förderte. Allerdings handelt es sich um ein Vorurteil, dass Floyd-Alben nur dazu dienten, Drogensessions zu begleiten, wie es der DDR-Krimi "Polizeiruf 110" insinuierte.

Erinnert sei vielmehr an Goethes Worte, die der experimentierfreudige Olympier in seiner Sterbestunde gehaucht haben soll: "Mehr Licht!" Dieser Ruf gilt auch für Boyles inspirierendes neues Werk.