Sachbuch: Max Haller (Hrsg): Migration und Integration – Fakten oder Mythen? Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2018; 294 S., 18,90 € - © ÖAW
Sachbuch: Max Haller (Hrsg): Migration und Integration – Fakten oder Mythen? Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2018; 294 S., 18,90 € - © ÖAW

Österreich kann keine Zuwanderer mehr aufnehmen. Migranten wollen nicht Deutsch lernen. Millionen Afrikaner werden nach Europa kommen. Aussagen, die bei öffentlichen Debatten immer wieder auftauchen. Denn die Diskussion über Migration und Flüchtlinge polarisiert. Ideologische Gegensätze prallen aufeinander. Jede Seite beansprucht die vermeintliche Wahrheit für sich. Es kursieren Gerüchte, Vorurteile verfestigen sich und Halbwahrheiten machen die Runde. Manche Behauptungen entpuppen sich als falsch, wie etwa dass Zuwanderer die E-Card häufig missbrauchen würden.

Der vom Soziologen Max Haller herausgegebene Sammelband "Migration und Integration". Fakten oder Mythen" versucht nun, mit wissenschaftlichen Zahlen und Fakten Klarheit zu schaffen. Zwei Dutzend Wirtschafts- und Sozialwissenschafter haben siebzehn weitverbreiteter Thesen und Aussagen zu Asyl, Zuwanderung und Integration durchleuchtet. Es sind gängige Stammtischparolen wie etwa "Flüchtlinge kommen, um unser Sozialsystem auszunutzen, sie verursachen nur Kosten", die das Buch auf ihren Wahrheitsgehalt abklopft.

Die Autoren haben etwa zwei Studien untersucht, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die eine konstatiert eine erhebliche Belastung für den Staatshaushalt durch Zuwanderung. Die andere kommt zum Schluss, dass Asylberechtigte langfristig einen positiven Beitrag zum Steuer- und Sozialsystem leisten. Es gibt also kein eindeutiges Ergebnis. Falsch ist jedenfalls, dass Flüchtlinge "nur Kosten" verursachen. Sicher sei aber, dass die Nicht-Integration den Staat wesentlich teurer komme, als wenn er in Integrationsmaßnahmen investiert.

Großfamilien eher selten

Ein anderer Beitrag greift eine Behauptung auf, die im Jänner von der FPÖ in den Raum gestellt wurde. Vizekanzler Heinz-Christian Strache nannte die Mindestsicherung ein "Förderungsprogramm für tschetschenische Großfamilien". Verkehrsminister Norbert Hofer legte im "ZiB2-Interview" nach: In Wien würden 30.000 Tschetschenen leben. Die Zahl ist jedoch falsch. Laut einer Auswertung des Sozialamts sind es lediglich 4544 Menschen aus der Russischen Föderation, die in der Hauptstadt Mindestsicherung beziehen. Tschetschenen werden nicht extra ausgewiesen.

Was hat es mit den kinderreichen Familien auf sich? Tatsächlich haben Zuwandererfamilien der ersten Generation häufiger drei Kinder. In der zweiten Generation gibt es allerdings fast überhaupt keinen Unterschied mehr zur ansässigen Bevölkerung. Dass MigrantInnen deutlich mehr Kinder bekommen als Nicht-MigrantInnen trifft also nur auf eine Teilgruppe zu – aber auch bei diesen sind kinderreiche Familien mit mehr als vier Kindern eine Seltenheit. Die These hat sich nicht erhärtet.

"Musliminnen bekennen sich nicht zu den Werten in Österreich": Eine von siebzehn Aussagen, die der Sammelband aufgreift und auf ihren Wahrheitsgehalt prüft. - © APAweb, dpa, Bernd Thissen
"Musliminnen bekennen sich nicht zu den Werten in Österreich": Eine von siebzehn Aussagen, die der Sammelband aufgreift und auf ihren Wahrheitsgehalt prüft. - © APAweb, dpa, Bernd Thissen