Auch am 31. Juli 2019, dem 75. Todestag von Antoine de Saint-Exupéry, wird man immer noch nicht wissen, wie es zum Absturz seines Aufklärungsflugzeugs an der Küste Marseilles gekommen ist. Der kleine Band "Über dem Meer" beinhaltet eine mögliche Version dieses Schicksalstages.

Der Grazer Autor, Nachfahre des großen Johann Nepomuk, Urologe von Beruf und Literat aus Leidenschaft, schreibt dem Schicksal des auf seinem letzten Aufklärungsflug verschollenen Erschaffers des Kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944), eine ganz bestimmte Mission ein: Der Abenteurer der Lüfte hatte vorgehabt, zwei verletzte Freunde der Résistance aus Südfrankreich auszufliegen. Die unbewaffnete Aufklärungsmaschine gerät aber ins Visier eines deutschen Kampffliegers und wird abgeschossen. Das ist eine Version, Saint-Exupérys mysteriösen Tod zu erzählen. Es könnte so gewesen sein.

Bis vor Kurzem wusste man nicht, wo das Flugzeug abgestürzt war. 2004 fand ein Taucher vor der Küste Marseilles Wrackteile, die man Saint-Exupérys Flugzeug zuordnen konnte. Zuvor hatte ein Fischer ebendort ein Silberarmband des Piloten gefunden. War der Absturzort klar, blieben Fragen zur Absturzursache. Irritierend für die Biographen war stets, dass Saint-Exupéry auf seinem letzten Aufklärungsflug, auf dessen persönlicher Durchführung er beharrte, die vorgegebene Route geändert haben musste, aber warum?

Hier setzt Nestroy an. Er widmet den Hauptteil den letzten Lebens- und Glücksaugenblicken des Fliegers, berichtet über dessen Flugmissionen und vom Erleben "über dem Meer". Nestroy schreibt keine Biographie, vielmehr arrangiert er Bilder aus dem Leben des schriftstellernden Piloten. Wir erfahren von der frühen Flugleidenschaft des kleinen Antoine - und seiner Liebe zu Rosen. Zitate aus der von Nestroy eingesehenen Korrespondenz zeigen anschaulich Antoines Lebenshaltung: eine humane Grundstimmung, von lebenslangem Suchen geprägt; den Pazifisten, der sich aufmacht, abgestürzte Kameraden zu bergen. Es spricht für Nestroy, dass er - immerhin mit familiärer Bindung zu literarisch gewichtiger Vergangenheit - jeder Versuchung widerstand, aus Anlass seines prominenten Helden selbst zu versuchen, in himmlische Höhen philosophischer Weisheit aufzusteigen. Vielmehr bleibt er ganz beim "Gegenstand", der Hauptfigur, und deren unberechenbarem Lebensweg. Ein persönliches Buch über den fliegenden Philosophen, der wusste, dass Freude nie vorausberechenbar ist.