Ja, man kann diesen Roman als elegischen Abgesang auf das bäuerlich geprägte Landleben lesen. Und ja, man kann ihn auch als Erzählung vom Niedergang des journalistischen Gewerbes lesen. Bauernsterben, Zeitungssterben, Dörfersterben, Heimatsterben - es ist, wie so oft bei Reinhard Kaiser-Mühlecker, vieles am Verschwinden, aber wie so oft bei diesem ganz besonderen, ganz eigenwilligen Autor sind all diese Existenzbedrohungen nur Krisenerscheinungen eines ganz grundsätzlichen Ringens mit dem eigenen Leben.

Der Ich-Erzähler ist - auch das kennen wir von RKM (um diese trendige Abkürzungsformel wenigstens einmal zu verwenden) - ein Heimkehrer, der in den Ort seiner Kindheit zurückkommt und ins Haus der verstorbenen Tante zieht. Vorher war er als Journalist in der weiten Welt unterwegs, unter anderem in Los Angeles, doch jetzt schreibt er Glossen fürs Lokalblatt und zieht ansonsten gern im Kleinflugzeug seine Kreise über der Gegend (die wir in Oberösterreich vermuten dürfen). Von dort oben blickt er auf eine Landschaft, die sich verändert hat, die durch Neubau- und Gewerbegebiete zersiedelt ist.

Gefühl der Kränkung

Einer der Bauern, Flor, hat aus Holzbalken den Schriftzug "Enteignet" auf den Hügel gesetzt, der ihm genommen wurde, um dort Windräder aufzustellen. Der Sommer erstarrt vor Hitze, und auch das Leben des Erzählers plätschert eher so dahin. Er beginnt eine "unkomplizierte" Affäre mit der unverheirateten Lehrerin Ines, doch als er erfährt, dass sie sich auch noch mit dem Bauern Flor trifft, verspürt er, der sonst andere um ihre "tiefen" Empfindungen beneidet, ein Gefühl der Kränkung. Und so beschließt er, inko-gnito als Hilfsarbeiter auf Flors Hof anzuheuern - die Gründe dafür sind ihm selbst nicht ganz klar.

Wie überhaupt alle Protagonisten dieses Romans aus recht nebulös bleibenden Motivlagen heraus agieren. Sie wirken zumeist wie vom Leben Getriebene, voller Sehnsucht nach Geborgenheit und doch seltsam unstet in ihrem Tun.

Und so taucht der Erzähler ein in die Welt des Schweinemastbetriebs und des Kampfes um eine Erweiterung des Hofs. Mit Flors Frau beginnt er ebenfalls eine Affäre, die seine eigenen Gefühle nicht so ganz unberührt lässt und die ihn am Ende vor eine heikle Entscheidung stellt. Die Zuspitzung des Geschehens erinnert fast ein wenig an Georges Simenons Romane, ebenso wie auch die existenzielle Grundierung des Geschehens.

Der Erzähler (und nicht nur er) erlebt eine schleichende Enteignung seines Lebens: Sein Beruf verschwindet, in der alten Heimat wird er nicht wirklich heimisch, und ein glückliches Familienleben ist nicht mehr in Sicht. Dass es auch anders sein könnte, flackert zwar immer wieder auf, doch auf Dauer stellen lässt sich das Gefühl des Einsseins mit der Welt nicht.

"Ich sah dem Wasser zu, wie es kam und ging und verspürte so etwas wie eine Sehnsucht nach etwas Ganzem in meinem Leben oder danach, dass mein Leben ein Ganzes sei. Nach einer Weile verflüchtigte sich diese Empfindung, und mir kam es nur folgerichtig vor, denn es gab nichts Ganzes."

Existenzieller Ernst

Heimatlosigkeitsliteratur könnte man das nennen, was Kaiser-Mühlecker schreibt, seit er mit "Der lange Gang über die Stationen" 2008 sein Debüt gab. Und auch sein inzwischen achtes Buch weist wieder die RKM-typischen Merkmale auf: eine ganz eigene, mitunter seltsam aus der Zeit gefallen wirkende Sprache, ein Erzählen, das vieles nur im Ungefähren und Angedeuteten belässt, eine psychologische Kargheit, die lieber zeigt als erklärt, und eine Melancholie, die, wie in diesem Fall die Hitze, über allem liegt und doch nie ins Trostlose kippt.

All dem entspricht die kurze, fast novellenartige Romanform, die Kaiser-Mühlecker meisterhaft beherrscht und die er bisher zum Glück nur einmal mit "Roter Flieder" (2012) verlassen hat (was dann auch prompt schiefging). "Enteignung" ist auch deshalb ein ganz und gar gegenwärtiges Buch, das von den Umbrüchen unserer Zeit handelt. Zugleich aber ist es in seinem tiefen existenziellen Ernst vollkommen zeitlos.