Gerade noch hat uns die großartige TV-Serie "Babylon Berlin" in Atem gehalten, nun zeigt ein Roman einen weiteren Konnex zwischen der deutschen Metropole und jener Stadt, in der sich angeblich das Fundament des Abendlandes befand. Die preisgekrönte deutsche Lyrikerin und hauptberufliche Altorientalistin und Ethnologin Kenah Cusanit hat mit ihrem ersten Roman "Babel" einen anspruchsvollen Text vorgelegt.

1913. Im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft leitet Robert Koldewey die Ausgrabung Babylons. Doch nun liegt er untätig in seinem Arbeitszimmer und schaut aus dem Fenster. Eine akute Blinddarmentzündung lenkt seine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge im eigenen Körper. Er darf nicht aufstehen, denn, so sagt das Medizinbuch, das er auf dem Bauch liegen hat, bei Blinddarmentzündung auf gar keinen Fall bewegen!

Koldewey blickt über das Grabungsareal bis hinunter zum Euphrat. Von dort werden die Reliefziegel Nebukadnezars verschifft und über drei Kontinente zuerst nach Hamburg transportiert, dann weiter über Elbe, Havel und Spree bis zu den Berliner Museen gelangen. Wenn Koldewey in die andere Richtung schaut, sieht er die Fliegengittertür, die nach draußen führt, wo seine Assistenten gerade dabei sind, Grabungsfunde zu fotografieren. Koldewey versucht, die Distanz zur Tür zu schätzen: zwei Meter? Drei Meter? Zwei Meter siebenundneunzig?

Der Wissenschafter sinniert: über das platonische Wesen der Photographie, welche "den poetischen Trost des Geschriebenen nicht kennt". Über bürokratische Hürden. Über den unterschiedlichen Zugang der Gelehrten zur Archäologie, dieser Lehre im Schnittfeld zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Wer kann die "Wiege der Menschheit" wirklich begreifen? Die Philologen? Die Architekten? Die Photographen? Die Historiker? Die Theologen?

Wie bei einer archäologischen Grabung muss man auch beim Lesen behutsam Schicht um Schicht abtragen: Dabei erfordern die komplizierten Schachtelsätze und die langen, teilweise banalen Aufzählungen große Geduld. Wie bei einem archäologischen Fund ist das wirklich Kostbare nicht am Glitzern zu erkennen, sondern wird erst durch genaues Hinschauen sichtbar. Zwischen die Zeilen stellt die Autorin das Thema des selbstgerechten europäischen Kulturimperialismus in den Raum.

Die Ausgrabungen in Babylon fanden 1899 bis 1917 statt, galten als nationales, deutsches Prestigeprojekt. Hätte man denn zulassen sollen, dass ahnungslose Einheimische die Steine aus den Mauern brechen, um sie für den Bau ihrer Hütten zu verwenden? Oder erteilte das Alte Testament den Christen einen Freibrief, die Kulturschätze des Orients wegzuschleppen?

Heute befinden sich das Ischtar- Tor und weitere von Robert Koldewey "gerettete" Kunstschätze im Pergamonmuseum von Berlin. Hochprofessionell rekonstruiert, blieben diese Kostbarkeiten der Menschheit erhalten.