Mutige Haltung: Marie Tidl (1916-1995). - © Privatarchiv Georg Tidl
Mutige Haltung: Marie Tidl (1916-1995). - © Privatarchiv Georg Tidl

Eigentlich ist es das Natürlichste auf der Welt, dass Kinder die Lebensgeschichten ihrer Eltern weitertragen. Aber warum nimmt ihnen diesen Auftrag auch dann niemand ab, wenn es sich um keine privaten handelt, sondern um solche, die vom Kampf gegen Kapitalismus, Faschismus, Rassismus durchdrungen sind? Heißt das, dass der kritischen Öffentlichkeit - einschließlich der akademischen oder künstlerischen - das Interesse an ihm abhanden kommt? Weil die Linke im Streit um die drängenden Fragen der Gegenwart klein beigegeben hat und es deshalb für sinnlos erachtet, sich noch mit Menschen zu beschäftigen, denen das Glück der Anderen mehr bedeutete als das eigene?

So jedenfalls könnte man die Tatsache deuten, dass Biografien österreichischer Widerstandskämpferinnen immer öfter von ihren in die Jahre gekommenen Töchtern und Söhnen verfasst oder aus dem Nachlass herausgegeben werden. Oswalda Tonkas Aufzeichnungen zum Beispiel, die ihre Tochter Gitta Tonka 2016 unter dem Titel "Buchengasse 100" veröffentlicht hat, das vierhändig - von Ruth Steindling und Claudia Erdheim - geschriebene Buch über "Vilma Steindling. Eine jüdische Kommunistin im Widerstand" (2017) oder der kürzlich erschienene Band "Frieden Freiheit Frauenrechte!", in dem der Publizist Georg Tidl das Leben seiner Mutter Marie Tidl, geborene Hofmann, ergründet, in einem ruhigen, sachlichen Tonfall, wobei sein auktorialer Bericht immer wieder von längeren Passagen aus ihren Aufzeichnungen unterbrochen, ergänzt, verfeinert wird.

Fast ebenso umfangreich wie die Biografie ist der Anhang, für den der Autor eine Auswahl aus den literarischen Arbeiten dieser begeisterten Pädagogin getroffen hat, die bei ihren Schülerinnen ungemein beliebt gewesen sein muss. Die meisten Texte wurden noch zu ihren Lebzeiten publiziert, unter dem Pseudonym Maria Wendl (dem Mädchennamen ihrer Mutter), das sie nicht aus Scham oder Unsicherheit gewählt hat, sondern als Huldigung einer tapferen, umsichtigen Frau, und weil es ihr schlecht bekommen wäre, wenn sie sie unter ihrem richtigen Namen den Verlagen und Redaktionen angeboten hätte.

Immerhin war Marie Tidl als Bildungsfunktionärin der KPÖ den eingefleischten Antikommunisten nicht unbekannt, und sie hielt der Partei auch dann noch die Treue, als sie im Zuge der Re-stalinisierung nach 1968 wegen "sozialdemokratischen Abweichlertums" aller Funktionen im "Bund demokratischer Lehrer und Erzieher" enthoben wurde.

Die Kommunistische Partei, deren Überreste im Vorjahr das hundertjährige Jubiläum begangen haben, ist hinsichtlich ihrer Mitglieder die achtbarste dieses Landes, aber auch diejenige, die mit den eigenen Leuten am fahrlässigsten umgesprungen ist, ihnen am meisten abverlangt, am wenigsten gegeben hat, an Verständnis, Zuspruch, Anerkennung.