"Ich schlage vor, Tiere als politische Akteure des Widerstands zu fassen und tierlichen Widerstand als Motor für die Modernisierung kapitalistischer Produktionsformen zu verstehen." Damit fasst der Wiener Autor Fahim Amir die Zielrichtung seines, mit dem Karl-
Marx-Preis 2018 ausgezeichneten, Buches anschaulich zusammen.

Tiere seien, angesichts ihrer Zucht, Nutzung und Schlachtung zwar auch Opfer ihrer menschlichen Verwertung, wie dies im zeitgenössischen Tierschutz berechtigterweise skandalisiert wird. Doch nicht nur: "Schwein und Zeit" zeigt, dass Tiere auch selbstständige Akteure sind. Eine umfassende Auswahl an Zäunen, Gehegen und Monitoringsystemen seien Ausdruck dafür, dass Tiere aktiv versuchen, ihrem in der Regel unfreiwilligen Schicksal zu entrinnen. Käfige seien "nicht bloß Monumente des Elends", sondern Beweis der ungeheuren Kraft der, offensichtlich unkooperativen, Tiere. Sie sind Handelnde, die sich gegebenenfalls auch mit Menschen verbünden - in den Augen des Philosophen und Künstlers Amir insbesondere mit Menschen, die selbst an den Rändern der Gesellschaft stehen. Es gehe darum "die Geschichte der Tiere als Teil von Klassengesellschaften aus einer Perspektive der Kämpfe zu denken." Anhand zahlreicher Beispiele verdeutlicht Amir seine These, dass Tiere sich ihrer gewaltvollen Unterwerfung widersetzen.

Huhn an Stelle von Taube

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war es in Europa und den USA üblich, auch im städtischen Gebiet Schweine zu halten, doch keineswegs in Ställen, sondern frei. Die Tiere suchten sich ihr Essen selbst und für das verarmte Subproletariat waren sie selbstreproduzierende Ressourcen. Gleichzeitig machten frei lebende Schweine aber Teile der Städte für das gehobene Bürgertum unbewohnbar, weswegen diese sich um gesetzliche Regulierung bemühten. Um diese auch durchzusetzen, wurden etwa im New York des 19. Jahrhunderts Schweinefänger eingesetzt. Der kollektive Widerstand dagegen, führte zu den sogenannten Hog Riots, den "Schweineaufständen" in den 1820er und 1830er Jahren. Die "swinish multitude", ein undefinierbares Gemenge aus armen Menschen und Paarhufern, machte die Großstädte der damaligen Zeit unsicher - zumindest aus bürgerlicher Perspektive. Die Grenzen zwischen Proletariern, Revolutionären, zwielichtigen Gestalten und wild herumlaufenden Tieren war auf Märkten, wie dem Londoner Smithfield Market, kaum mehr wahrnehmbar, so die mediale Berichterstattung.

Mit der Etablierung des Huhns als häufigstem Fleischlieferant sind Tauben von den Speisekarten in fast gänzlich Europa verschwunden. Gleichzeitig wandelte sich ihr Image; von der Verkörperung des Heiligen Geistes hin zu den "Ratten der Lüfte." Die verwilderten Nachkommen der ehemals domestizierten Haustauben gelten heute nicht nur als Belästigung oder - völlig zu Unrecht - zentraler Faktor der Zerstörung historischer Häuserfronten.

Tauben haben, entgegen allen ordnungspolitischen Bestrebungen, auch Verbündete: ihre Futterlieferantinnen. "Die Beziehung von älteren Frauen zu Stadttauben, die kommen und gehen können, wann sie wollen, und niemandem gehören außer sich selbst, kann als sozialrevolutionäre Praxis gelten." Die heimliche Sympathie gegenüber den vermeintlichen "Schmutzfinken" der Stadt macht auch Pensionistinnen zu Rebellinnen, im Kampf um das Recht auf Stadt, so Fahim Amir. Und das, nicht nur, weil Tauben "auf alles scheißen".

"Schwein und Zeit" ist anregend zu lesen, unterhaltsam und klug formuliert. Insbesondere, wenn sich Amir unserem eigenen Verhältnis den Tieren gegenüber widmet: "Die tierethisch vorherrschende Frage ‚Können sie leiden?‘ weicht hier einem anderen Interesse: Wo und wie leisteten Tiere Widerstand, und wo gab und gibt es Kampfgefährtschaften zwischen Menschen und Tieren? Daraus kann Solidarität entstehen, statt bloß paternalistischem Mitleid."