Auf den ersten Blick hat Zadie Smith in ihrem neuen Roman "Von der Schönheit" doch sehr viel vom englischen Schriftsteller E. M. Forster geplündert. Schon der erste Satz deckt sich mit dem Erföffnungsatz aus Forsters Roman "Wiedersehen in Howards End": "Man kann eigentlich ebenso gut auch gleich mit Helens Briefen an ihre Schwester beginnen" , heißt es bei Forster; Zadie Smith beginnt mit den E-Mails Jeromes an seinen Vater. Auch die Handlung gleicht der bei Forster: Zwei Familien, die gegensätzlicher nicht sein könnten, prallen aufeinander. Bei Forster sind es der zutiefst in den englischen Konventionen erstarrte Wilcox-Clan und der halb deutsch, halb englische Kreis um die Schwestern Schlegel, bei Zadie Smith heißen die Familien Belsey und Kipps; die eine hat englische und jamaikanische Wurzeln, die andere ist schwarz und stammt aus Amerika. Für Wirbel sorgt bei Forster wie bei Smith die Mutter einer Familie, die ein Mitglied der anderen Familie in ihrem Testament bedenkt. Bei Forster wird das Landgut Howards End vererbt, bei Smith ist es ein wertvolles Gemälde.

Aber auf den zweiten Blick macht das alles nichts. Auf dem Fundament ihres berühmten Vorbildes hat Zadie Smith ein sehr eigenständiges Romangebäude errichtet. Wie schon 2000 in ihrem Debüt "Zähne zeigen", das die damals 25 Jahre alte Londonerin auf einen Schlag weltbekannt machte, entwirft Zadie Smith in "Von der Schönheit" ein vielfältiges und weitläufiges Gesellschaftspanorama. Es geht um Schwarz und Weiß, um konservativ und liberal, um Kunst und Leben.

Der Roman spielt auf einem College in der Nähe von Boston, wo Howard Belsey, ein weißer Engländer und liberal bis in die Knochen, Kunstgeschichte lehrt. Sein schärfster Rivale, Monty Kipps, der mit seinen Ansichten ein Ideologe der Bush-Administration sein könnte, wird ebenfalls an die Uni berufen. Nun entspinnt sich ein Campusroman, der sehr amüsant zu lesen ist, aber nie denunziatorisch wirkt. Zadie Smith schafft es, die Rituale des akademischen Betriebs pointiert zu beschreiben, ohne dabei die Figuren zu karikieren. Die feministisch-linke Professorin Claire Malcolm etwa, die ständig gender und Foucault im Munde führt, nötigt einem doch Respekt für ihr Bemühen um guten Unterricht ab. Und selbst das verwöhnte Professorentöchterl Victoria Kipps, das mit Kollegen wie Lehrern sexuelle Spielchen treibt und damit ganze Familien zerstört, wächst einem als bitch irgendwann ans Herz. In ihrem dritten Roman beweist Zadie Smith abermals, wie vielschichtig sie ihre Figuren anlegen kann. Egal wie schwach, zornig oder gemein sie sind - sie wirken stets anrührend in ihrem Bemühen, im Leben nach einem höheren Sinn zu fahnden.

Am interessantesten ist "Von der Schönheit" dort, wo es um Fragen der Identität geht. Alle sind sie bei Zadie Smith auf der Suche: nach ihren Wurzeln, nach dem richtigen Standpunkt, nach ihrem Platz in der Welt. Der Kunstprofessor sucht nach dem wahren Genie, der eine Sohn nach Gott, der andere zieht mit schwarzen Streetkids durch die Gegend, weil er sich ihnen aufgrund seiner Hautfarbe stärker verbunden fühlt als den Bildungsidealen seiner Familie. Kiki Belsey, die strahlende, übergewichtige Hauptfigur, ist hin und her gerissen zwischen ihrer Emotionalität und den Konventionen ihrer Schicht.

Die Brüche verlaufen bei Zadie Smith nie dort, wo man sie erwartet. Es steht nicht einfach Schwarz gegen Weiß, sondern schwarze Mittelschicht gegen schwarze Unterschicht: So spricht sich Monty Kipps, der schwarze Professor, vehement dagegen aus, unterprivilegierten schwarzen Jugendlichen Zutritt zu Seminaren zu gewähren, wenn sie sie nicht bezahlen können. Auch der Konflikt zwischen amerikanischen Konservativen und Liberalen wirkt in "Von der Schönheit" nie klischeehaft, mancher Falke entpuppt sich bei Zadie Smith als Taube, und umgekehrt. "Das wirkliche Leben steckt voller falscher Spuren und Wegweiser, die nirgendwohin führen" , heißt es bei E. M. Forster. Zadie Smith ist es gelungen, das Leben mit all seinen Spuren und Wegweisern in einen Roman zu bannen.