Schlägt in ihrer Literatur einen neuen Ton an: Annie Ernaux. - © Getty Images/Ernesto Ruscio
Schlägt in ihrer Literatur einen neuen Ton an: Annie Ernaux. - © Getty Images/Ernesto Ruscio

Endlich, möchte man sagen. Endlich, mit Ende 70, hat Annie Ernaux, die in Frankreich zu den bedeutendsten Autorinnen des Landes zählt, auch im deutschen Sprachraum eine verlegerische Heimat gefunden. Seit Suhrkamp 2017 "Die Jahre" veröffentlicht hat (im Original schon 2008 erschienen) und gleich im Jahr da-rauf mit ihrem jüngsten Buch "Erinnerung eines Mädchens" nachgelegt hat, sollen nun nach und nach die älteren Texte dieser "Ethnologin ihrer selbst" neu oder erstmals übersetzt werden.

Ein paar wenige Bücher waren über die Jahre in verschiedenen deutschen Verlagen erschienen und zum Teil mit Umschlägen und Titeln versehen worden, die eher auf erotische Inhalte schließen ließen (eines hieß vielversprechend "Eine vollkommene Leidenschaft. Die Geschichte einer erotischen Faszination"). Nun aber ist der "weibliche Proust", wie Ernaux gern genannt wird, dort angekommen, wo ihr männlicher Kollege schon länger zu Hause ist.

Das Leben schreiben

"Écrire la vie" heißt eine (vorläufige) Gesamtausgabe ihrer Texte in Frankreich: das Leben schreiben. Genau das tut Ernaux in immer wieder neuen Anläufen, seit 1974 ihr erster Text erschien. Natürlich ist es ihr eigenes Leben, aber es ist auch das ihrer Umgebung, ihrer Familie, ja einer ganzen Generation. Ernaux’ Projekt einer "kollektiven Autobiographie" hat immer auch eine soziale Komponente, die das Ich in seine Zeit stellt. Und die dieses Ich überdies als in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden betrachtet.

Insofern verwundert es nicht, dass Ernaux eine Art literarische "Hausgöttin" des Soziologen Didier Éribon ist, der mit seiner autobiographischen Schrift "Rückkehr nach Reims" einen überraschenden Bestsellererfolg landete.

Ernaux’ Bücher seien für ihn "eine lebensverändernde Lektüre" gewesen, verkündet der Umschlag von "Der Platz". Und in der Tat kam damals, 1984, als "La place" in Frankreich erschien, ein ganz neuer Ton in die dortige Literatur.

"Seit Kurzem weiß ich, dass der Roman unmöglich ist. Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht ‚spannend‘ oder ‚berührend‘ schreiben wollen. Ich werde die Worte, Gesten und Vorlieben meines Vaters zusammentragen, das, was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz, von der auch ich ein Teil gewesen bin."

Annie Ernaux verweigert sich bewusst der "Erinnerungspoesie" (und ist damit gerade kein weiblicher Proust). Stattdessen befleißigt sie sich eines "sachlichen Tons", einer écriture factuelle. Doch so nüchtern sie vom Leben des Vaters erzählt, der 1967 stirbt, vom Leben einfacher Menschen in Nordfrankreich, die sich mit einem Laden samt angeschlossener Kneipe so durchschlagen und "trotz allem glücklich" sind, so sehr ist doch an allen Ecken und Enden der liebevolle Respekt gegenüber den Eltern zu spüren. Und aus vielen einzelnen Absätzen, die wie "Erinnerungsschnappschüsse" wirken, ersteht eine proletarische, einfache Welt, welche die Autorin (die mehr als dreißig Jahre lang als Lehrerin arbeitete) hinter sich gelassen hat: Schreiben, das heißt für sie "das Erbe ans Licht holen, das ich an der Schwelle zur gebildeten, bürgerlichen Welt zurücklassen musste".

Doch anders als etwa Éribon (zeitlich nach ihr) geht es Ernaux nicht um eine kritische Bewertung dieses Erbes, sondern vielmehr um seine erinnernde Vergegenwärtigung. Dabei wird der Vater durchaus in seiner Individualität sichtbar, aber eben auch als Angehöriger einer bestimmten Gesellschaftsklasse, einer Klasse, in der gearbeitet und nicht gelernt wird.

Historische Scham

"Der Platz" bildet (gemeinsam mit "Une femme", dem noch nicht auf Deutsch vorliegenden Roman über die Mutter, und mit "Die Jahre") so etwas wie die Nabe im Werk von Annie Ernaux, wo sich Autobiographie und Soziographie, Ich und Wir am stärksten miteinander verzahnen. Und gerade hier, im Buch "Der Platz", zeigt sich, wie sehr diese einzigartige Autofiktion auch ein emanzipatorisches Projekt ist.

Jeder Text ist auch dem Bemühen geschuldet, sich von der "historischen Scham" der Unterwürfigkeit, der Fremdbestimmtheit dieser Herkunftswelt zu befreien. Und dieser Welt gleichzeitig doch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Suhrkamp (und der wunderbaren Übersetzerin Sonja Finck) sei Dank dafür, dass wir diese großartige Schriftstellerin jetzt auch auf Deutsch wirklich entdecken können.