Die Hälften sind das Problem. Aber sollten sie nicht die Lösung sein? Als Viviane versteht, wie bitter sie alle betrogen wurden, ist es für sie selbst fast zu spät: sie, die "Viviane" als Fluchtnamen angenommen hat und mit ihrem wirklichen Vornamen, Marie, nur noch ihre "Hälfte" bezeichnet.

Auch der Leser braucht eine Weile, um jene Welt zu verstehen, aus der Marie Darrieussecq ihre Ich-Erzählerin Viviane entfliehen lässt in ein "Leben in den Wäldern": Auf einem maximalen Niveau der Technisierung angekommen, ist alles Datenmaterial den Menschen implantiert; können Roboter menschliche Arbeitskräfte auch in deren Alltags- und emotionalen Prozessen ersetzen; sind körperliche Gebrechlichkeit und Sterblichkeit nahezu abgeschafft durch geklonte "Hälften", genetisch austauschbare Doppelgänger also, denen jeweils das Organ oder Körperteil entnommen werden kann, das erkrankt ist oder Verschleiß zeigt. Die Hälften sind sozusagen "Ersatzteillager". Sorgsam gepflegt, existieren sie in einer Art chronischem Schlaf, es sei denn, man "vertikalisiert" sie und bringt ihnen, wie einem Baby, das Gehen, Laufen und Denken bei.

Nur: Wozu sollte man das tun? In der Welt, von der Viviane erzählt, hat Leben an sich ja keinen Wert mehr. Wessen Existenz auf die Funktion als Ersatzteillager reduziert wird, definieren abstrakte Kontrollmächte, bei denen die Daten der total überwachten Menschen zusammenlaufen. Programmierung ist alles, Identität ist, buchstäblich, etwas von gestern.

Sogenannte "Klicker" sind ausschließlich damit beschäftigt, Robotern menschliche Verhaltensabläufe so beizubringen, dass möglichst alle "geistigen Assoziationen" vermittelt werden. Die "alte Zeit" existiert nur noch als Erinnerung, - in ihr hatte Viviane den Beruf der Psychotherapeutin erlernt; aus ihr ruft sie altes Wissen ab, über Malerei, über grüne Wiesen, über jemanden wie Primo Levi: einen "überlebenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts", der sich umbrachte. Dieses Restwissen ist es, das Viviane-Marie und einem Patienten - von Beruf Klicker - das Licht aufgehen lässt: Dann, als es schon fast zu spät ist; als ihr, nach der Niere und dem Lungenflügel, auch noch das eine Auge entfernt wird. Aber dann, - "peng, alles trat zutage. Es war sonnenklar."

Darrieussecqs Dystopie ist kein gemütlicher Text: unmöglich, ihn distanziert zu lesen, als hätten die geschilderten technischen Möglichkeiten, die perfiden Überwachungsszenarien nichts mit unserer heutigen Welt zu tun. Die Flucht in die Wälder - nachdem sie sich manch Implantat herausgeschnitten hat - ist Rebellion und Verzweiflungstat zugleich, "eine Rückkehr zu den Anfangsgründen". Aber mit welcher Aussicht? "Ich vermisse die Zukunft", stellt Viviane so nüchtern wie traurig fest. Mit einer Art unhappy Happy End entlässt die Autorin ihre Leser alarmiert - und berührt von einem so präzisen wie poetischen Text.