Unbändige Sprachphantasie und Wegelagerer-Blues:Jakob Haringer (1898-1948). Die Buchmacherei
Unbändige Sprachphantasie und Wegelagerer-Blues:Jakob Haringer (1898-1948). Die Buchmacherei

Er war ein Herumtreiber und Schnorrer, ein Hochstapler und Halunke - und er war ein Dichter. Er war Hiob und Halbkrimineller, Obdachloser und Frauenverführer, Aufschneider und kleinlauter Sandler - und ein von vielen anerkannter Poet.

"Wann wird Jakob Haringer in der deutschen Literatur den Platz bekommen, der ihm zusteht?" Das fragte bereits 1956 die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit". Immer wieder gab es einen Anlauf, das verstreute Werk des 1948 verstorbenen Dichters und Vagabunden der Vergessenheit zu entreißen. Auch die Werkauswahl, die Dieter Braeg nun mit viel Sorgfalt und einem umfassenden biographischen Abriss in dem kleinen Berliner Verlag "Die Buchmacherei" herausgegeben hat, ist ein solcher Versuch. Der Erfolg steht noch aus. Zu wünschen wäre er ihm.

Der Dichter Jakob Haringer war, mit nur kurzen Ausnahmen, lebenslang unsteten Aufenthalts. Früher zogen die Vagantendichter von Hof zu Hof, von Ort zu Ort, um sich mit Reimen und Gesang ihr Brot zu verdienen. Jakob Haringer zog von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, überall auf der Suche nach Freunden, Verlagen, Ausweichquartieren. Der bayrisch-österreichische Raum um Salzburg und später die Schweiz waren seine bevorzugten Aufenthaltsorte.

Wanderschaft

Sein Leben zwischen Wanderschaft, Clochard-Bohème und Verfolgung durch Strafbehörden spiegelt sich in seinen Dichtungen ausgeprägt wider. Im "Münchner Hofbräuhaus" dichtet er: "Mir wird so weh, wenn ich unter zufriednen Lumpen bin./ O, wieviel Erinnerungen werden hier ausgegraben,/ Da wird das Leben zum Märchen, zum Spatzenlied - / Oder wir stärkten uns, weil wir gemeinsam im Dreck lagen,/ Blickten ins Sterben wie in einen Raritätenladen,/ Lachten mit Fremden, die auch nicht an morgen dachten,/ Und an die Sehnsucht, die immer wilder verglüht."

Im Dreck lag der 1898 eher zufällig in Dresden geborene Sohn eines ambulanten Buchhändlers und einer Kellnerin bereits 1917 im Ersten Weltkrieg: als 19-Jähriger kurz in Flandern. Zwei Jahre später war er in München, wo er mit der Räterepublik sympathisierte und prompt verhaftet wurde. Ab 1920 befand er sich auf Wanderschaft. Später wurde er wegen eines Vergehens gegen das Zollgesetz steckbrieflich gesucht.

Es folgten Anzeigen wegen Urkundenfälschung, Meineid, Beamtenbeleidigung, Hausfriedensbruch und Gotteslästerung sowie mehrfache Zwangseinweisungen in psychiatrische Anstalten. Auch seine Teilnahme am Internationalen Vagabundenkongress 1929 in Stuttgart-Degerloch ist vermerkt.