In rascher Folge erschienen ab 1920 Gedichte und Prosawerke in Buchform, meist im Selbstverlag und mit fingierten Erscheinungsorten. Die Anerkennung blieb nicht aus. Unter der Rubrik "Neue Lyrik" schrieb etwa Alfons
Petzold am 22. Februar 1922 in der "Wiener Zeitung": "Nur 60 Seiten ist die Sammlung ‚Die Kammer‘ des Jakob Haringer, aber die frische, selige Inbrunst, die feurige Liebe zur Welt, das Wissen um das Geheimnis des Wortes als Bild, die Demut vor dem Geist des Lebens, alles dies, das aus diesem Büchlein in reicher Flut strömt, macht es zu einer der wertvollsten Neuerscheinungen der deutschen Lyrik. Da läuft ein junger Dichter durchs deutsche Land, dem ins Gesicht zu schauen ein Labsal ist inmitten der Fratzen und Masken."

Alfred Döblin, der zu seinen Förderern zählte, erhielt unter dem Titel "Weihnacht im Armenhaus" ein Heft mit Gedichten zugesandt. Er urteilte über Jakob Haringer: "Ich schnitt die Blätter auf, las Einzelnes durch. Wurde überrascht. Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware."

Schräge Sprachbilder

Diese echten Gewächse sind von real-irrealer Eigenart. Haringers Lyrik ist stark geprägt von den Nachwirkungen eines antibürgerlichen und antimaterialistischen Expressionismus. Hinzu kommt die erfrischende Vorliebe ihres Schöpfers für surreale Bilder und absurde Wendungen. Eine Zeile wie "ein Herrenrad sehnt sich nach einem Damenrad" mutet ganz Ringelnatzisch an. Und manches von den lautmalerischen Abstraktionen und subversiven Infantilismen der Sprache könnte von Daniil Charms stammen: "Ein Bahnhof uhrt verzweifelt Mohnkometen,/ In Läden träumen goldne Spezerein./ Der Schuster will achatne Magd erbeten,/ Die Brücke rost Erinnern uns hinein."

Haringers Sprachphantasie war schwer zu bändigen. Es ist voller Überraschungen und in vielerlei Hinsicht erstaunlich, mit welch zugreifenden Versen und lässig-schrägen Sprachbildern dieser mit allen Wassern der Wortphantasie gewaschene genuine Lyriker seine Erlebnisse und Erfahrungen im Gedicht wieder(er-)findet: "Im Tal der Seele ist heut schönes Wetter,/ O Glück, so in den Tag hinein zu leben!" Arnold Schönberg hat mehrere Gedichte Haringers vertont; es sind seine einzigen Lieder in Zwölftonmusik.

Freilich gerät dem Dichter die Waage der Wortwahl zuweilen aus der Balance, beschwert er die Gewichte der lyrischen Aussage im Übermaß. Dann ballen sich Wortungetüme wie "Teppichhirn", "Herbstfabrik", "Fieberknie" zu Klumpen. Aufgesetzte Wildheit und Kraftstrotzerei lassen nicht selten die Sprachzügel schießen. Die Grobschlächtigkeiten, die ihm dann entfahren, könnten auch der Hitze einer Wirtshausrauferei entstammen.

Selbstmythisierung

Haringer betrieb eine zügellose Selbstmythisierung. Dieser Herold des Unterwegseins und der Landstörzerei gefiel sich als Harlekin des Maskenwechsels. Ständige Namens- und Titeländerungen gehörten zu seiner aufschneiderischen Identitätsflucht. Man kann auch wohlmeinend sagen: Er nahm eben die Dichtung für die Wahrheit.

Unter seinen Prosaerzählungen finden sich ebenso zartfühlende wie raubeinige Beispiele. Da trauert er etwa mit großer Einfühlung um eine Magd, die sich wegen einer geschlachteten Kuh aus Tierliebe das Leben genommen hat. Oder er erzählt mit gebotener Grausamkeit die alte Geschichte vom verlorenen Sohn neu, der, reich heimgekehrt, von Mutter und Schwester nicht erkannt und aus Habgier umgebracht wird.