Nicht wenige seiner Prosa-
arbeiten sind durch einen kräftigen Schuss Nonsense-Literatur und durch gewiefte Anleihen beim Dadaismus gekennzeichnet. In seinem so zauberhaft schrägen wie schrulligen "Räubermärchen" ("gewidmet In ewiger Erinnerung an den toten Kasperl Larifari, der mich in seliger Kinderzeit so überglücklich lachen ließ") waltet ein König seines Amtes, der sich die Krone, weil sie beim Herunterfallen zerbrochen ist, im Laden neu kaufen muss. Bei einem Aufstand seines Hofstaats entflieht er einfach per Flügel durchs Fenster und mischt sich via "Luftbahnhof" unters Wirtshausvolk. Eine Kas-perliade setzt ein, die sich zur bösen Satire auf die Gängelung des öffentlichen Lebens unter machtbesessenen Popanzen der staatlichen Kontrolle auswächst.

Haringer war auch ein Dichter der Schwermut und des Wegelagerer-Blues. Mit dem Satz "Nun kommen die großen Traurigkeiten wieder/ wie wilde Matrosen" lässt er etwa das Gedicht "Strauss. Kaiserwalzer" beginnen. Und das
Poem "Trauriges Stück" nimmt seinen Auftakt bei Trakl-Tönen: "Da sah ich alle Menschen krank und wund -/ Die Toten leis ans rote Fenster klopfen,/ Da malt die Sehnsucht keinen Schnee mehr bunt,/ Nun bist du alt. Der Herbst ist längst vorbei . . ."

Zwischen Gottesglauben und Gotteslästerung schwankt seine religiöse Stimmung. Im "Räubermärchen" hadert ein verzweifelt Glaubenswilliger mit dem Allmächtigen: "Wo bist du Gott? Ich würde ganz gern an dich glauben, aber ich hätt dann doch eines mit dem Pack gemein. Siehst du nicht die zerquälten Antlitze in den Straßen, in den Bahnhöfen, in den Kirchen und Schenken und Gerichtssälen? Siehst du, o Gott, nicht all die von der andern Dummheit, Gier, Neid, Stolz Gepeinigten? Schufst Du die Menschen nur, auf dass sie sich martern, töten, dass sie verbluten in Ängsten und Sehnsüchten? Immer strafst, verfolgst du die Besseren und die Schlechteren mästest du. Und doch, zu was diese Klagen? Du schickst deshalb doch keinem der Verlaßnen, Verlornen, Heimatlosen einen lieben Abendbrief, einen sanften Vorfrühlingswind oder Schlaf und Ruhe und Vergessen."

Wundmal-Pose

Aber der Dichter war auch ein unguter Geselle. Was immer er tat oder unterließ, stets war jemand anderer schuld. Er war nur Opfer, niemals Täter - eine in der Literatur des katholischen Österreich weitverbreitete Larmoyanz und Wundmal-Pose. Seine dauernden Angriffe auf Freunde, Förderer, Staatsorgane, oft ins Obszöne und Beleidigende ausschweifend, wirken selbstgefällig und gespreizt. Die keifenden Ausfälle gegen die Großen der Literatur, allen voran Goethe, sind schlichtweg peinsam und dummdreist.

Man kann nicht sagen, dass ihm auf Erden nicht geholfen wurde. Ein Gutteil seines Lebensunterhalts bestritt er durch Bettelbriefe samt beigelegten Gedichten, die er an prominente Schriftsteller und Förderer richtete. Als er im März 1938 in Salzburg vor den eingerückten Nazis über Prag, Paris und Straßburg ins Exil in die Schweiz floh, war es wie zuvor schon Hermann Hesse, der sich neben Albert Einstein und Heinrich Mann für ihn einsetzte.

1939 wurden Haringers "sämtliche Schriften" von der Reichsschrifttumskammer in Berlin auf deren "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. In der Schweiz schlug der Dichter als geübter Landstreicher vor der rigiden Fremdenpolizei manch erfolgreichen Haken. Dennoch wurde er immer wieder aufgegriffen und zeitweilig auch in psychiatrische Anstalten gesteckt, aus denen er alsbald wieder entfloh. Dank der Unterstützung wohlmeinender Bürger überlebte er an wechselnden Orten bis zu seinem frühen Herztod als 50-Jähriger am 3. April 1948 in Zürich.

Im "Räubermärchen" heißt es am Ende: "Die einen schaun alles durchs Vergrößerungsglas, die andern durchs Verkleinerungsglas. Und alle vergessen, dass man die Dinge durch beide sehen kann und dabei doch noch weit von der Wirklichkeit entfernt bleibt."