Erinnert sich noch jemand an den Hunderter, den Landeshauptmann Haider nicht wenigen Kärntnern vor dem Klagenfurter Landhaus in die Hand gedrückt hat? Das war Populismus pur. Mit der Geste der Almosenverteilung wurde eine scheinbar leutselige, auf die Bürger zugehende Politik inszeniert, die keine politischen Lösungen, sondern eine raumgreifende Inszenierung im Feudalherren-Stil darbot.

Auch die Populisten in Italiens Regierung verteilen im Volk viel Geld, das das Land nicht hat. Dass der Populismus von heute weniger durch politische Inhalte als durch den Appell an Gefühle von Benachteiligung, Unterdrückung und Verdrängung gekennzeichnet ist, gehört zur allgemeinen Meinung. Indes, mit dieser moralisierenden Erklärung will sich der Bremer Politikwissenschafter Philip Manow nicht zufriedengeben. Die durch die Globalisierung geschaffenen offenen Grenzen sind für ihn die wesentlichen Ursachen des Populismus in Europa.

Wirtschaftsmodelle

Dabei unterscheidet Manow scharf zwischen den offenen Grenzen für Güter und Geld, die seiner Meinung nach für den Linkspopulismus im Süden Europas verantwortlich sind, und den offenen Grenzen für Menschen, die den Rechtspopulismus im Norden hervorgerufen haben. "Rechtspopulisten leben vom Protest gegen die Einwanderung von Migranten, Linkspopulisten sind vor allem gegen die Liberalisierung der Märkte", befindet Manow. Der Unterschied liegt für Manow in den verschiedenen Wirtschaftsmodellen begründet. In den Exportnationen im nördlichen Europa werden die Benachteiligten des freien Markts durch großzügige Sozialsysteme entschädigt, deren Attraktivität freilich auch auf viele Migranten anziehend wirkt. In südeuropäischen Ländern (Griechenland, Italien, Spanien, Portugal) dagegen, die hauptsächlich für den eigenen Markt produzieren, wirkt sich der ungehinderte Import von Gütern, vorwiegend aus Fernost, verhängnisvoll auf die heimische Wirtschaft aus. Zwar mindern eingeschränkte Sozialleistungen die Migration, doch die Probleme mit dem Euro vermehren die Wünsche nach Abschottung, auch gegenüber der Austeritätspolitik der EU mitsamt den bekannten sozialen Folgen.

In der Mitte Europas wählen laut Manow nicht die Armen vorwiegend die Populisten, sondern jene, welche die Armut fürchten: die vom sozialen Abstieg Bedrohten. Das zeigen Manows eingehende sozialwissenschaftliche Studien, die auch für die Einschätzung der AfD bedenkenswerte Ergebnisse liefern. Denn auch in prosperierenden Regionen im Süden Deutschlands laufen viele Wähler der AfD zu: Es sind vorwiegend Fachkräfte in guter Beschäftigung, die allerdings schon einmal den Statusverlust durch Arbeitslosigkeit erlebt haben.

Instrumentalisierung

Manows ökonomische Begründungen für den Erfolg populistischer Bewegungen in Europa wirken ebenso einsichtig wie einseitig. Der Frust über die klassischen liberalen Demokratien, die den Westen prägten, hat sich in manchen Bevölkerungsteilen bedenklich verfestigt und wird von den Populisten skrupellos instrumentalisiert. Viele ihrer Anhänger sind von einem diffusen Unbehagen mit ihrem sozialen Status erfasst, mit den Veränderungen, denen sie ausgesetzt sind, mit der Herrschaftselite und damit, dass sich unsere Gemeinschaften so stark verändern. Dieses emotionale Unbehagen darf nicht aus dem Blickfeld gerückt werden, wenn die Ursachen der populistischen Wellen untersucht werden, die den Zusammenhalt vieler Gesellschaften unterspülen.

Dazu gehört, dass nicht nur die Populisten die Demokratie gefährden, sondern auch diejenigen, die ihnen die Wähler zutreiben. "Bleiberecht für alle" beispielsweise ist, als politische Losung der deutschen Grünen, nicht eben dazu angetan, das Vertrauen in die Solidargemeinschaft der Staatsbürger zu festigen.