Mappe der Kanzlei Samek mit Prozessakten von Kraus. - © wienbibliothek
Mappe der Kanzlei Samek mit Prozessakten von Kraus. - © wienbibliothek

Im Sommer 1957 gab der in die USA emigrierte Rechtsanwalt Oskar Samek (1889-1959) in New York ein Interview für österreichische Journalisten, in dem es um seinen berühmtesten Wiener Klienten ging: Karl Kraus. Der "Fackel"-Herausgeber hatte sich unter anderen mit Alfred Kerr, Anton Kuh, Felix Salten, Johann Schober und Theodor Wolff vor Gericht gemessen, wobei ihn in der Ersten Republik meist Dr. Samek vertrat.

Nicht jeder Rechtsstreit weist juristische Substanz auf, mitunter reizte Kraus die Möglichkeiten aus, welche das damals neue "Preßgesetz", ein Vorläufer des Mediengesetzes, und das alte, noch aus k.u.k. Zeiten stammende Strafgesetz enthielten, um vor Gericht Berichtigungen durchzusetzen oder Beleidigungen zu ahnden. Ihm ging es meist "um’s Prinzip", wobei er auch befreundete Medien nicht schonte, verfeindete wie "Die Reichspost" oder "Die Stunde" aber regelrecht verfolgte. Aus heutiger Sicht erstaunt die Geduld, welche die Richter aufbrachten, wenn es um marginale Korrekturen von Parteien ging, die mit Tinte und Feder aufeinander losgingen.

Erste "fake news"

In den Jahren 1922-36 wurde so manches Urteil zugunsten des "Fackel"-Autors gefällt, der Pönalzahlungen ebenso wie Vorlesungseinnahmen für gemeinnützige Zwecke, meist für die "Kinderfreunde", spendete. Die heutige Praxis, im Fall des Obsiegens in Medienprozessen das lukrierte Geld zu spenden, hat demnach bereits Tradition, wie im Übrigen auch das "Hass-Posten", das Jahrzehnte vor Erfindung des Internet in Form von Briefen über den Publizisten Kraus hereinbrach. Nachdem Kraus mit einem erfundenen Erdbebenbericht, den er der "Neuen Freien Presse" im Jahr 1908 unterjubelte, als Erfinder der fake news anzusehen ist, könnte man demnach sagen: "Alles schon dagewesen!"

Über Sameks Wirken und die Kraus-Prozesse gibt es einige lesenswerte Studien, beginnend mit Hermann Böhms Veröffentlichung "Karl Kraus contra (. . .)" aus 1995 und vorläufig endend mit Brigitte Stockers Beitrag im begleitenden Band zur noch (bis 29. März) laufenden Kraus-Ausstellung im Wiener Rathaus. Dank dem Kraus-Archiv in der Wien-Bibliothek und dem analytischen Beitrag in dem von Katharina Prager editierten Kraus-Sammelband sowie einer vorbildlichen Online-Dokumentation (mit einem Artikel über Karl Kraus "als Rechtsperson") wissen wir einiges über Ablauf und Details der Rechtsstreitigkeiten.