Fotografie von Karl Kraus am Vorlesetisch, aufgenommen nach dem Film von Albrecht Viktor Blum, 1934. - © wienbibliothek
Fotografie von Karl Kraus am Vorlesetisch, aufgenommen nach dem Film von Albrecht Viktor Blum, 1934. - © wienbibliothek

Vom Herbst 1922 bis zum Tod des Autors im November 1936 hatte Samek hunderte Prozesse für seinen Mandanten geführt und die Schriftsätze sowie Urteile in blassroten Mappen gesammelt, die mit riesigen Lettern handschriftlich bezeichnet waren. Der Anwalt stellte sich auch, wie aus einer anderen Quelle hervorgeht, zeitweise als Geschäftsführer für den "Fackel"-Verlag in der Hinteren Zollamtsstraße zur Verfügung, ließ aber Kraus ansonsten geschäftlich (und publizistisch ohnehin) freie Hand.

Nach heftigen Kämpfen um die Verlagsrechte des berühmten roten Periodikums, das in unregelmäßiger Folge ab 1899 erschien, ordnete Kraus die Verhältnisse und leistete der Aufforderung des Handelsgerichts nach einem Registereintrag Folge. Er vertraute seinem bewährten Drucker Georg Jahoda und der Verlagsbuchhandlung Lányi auf der Kärntner Straße. Gesammelte Schriften des streitbaren Autors erschienen bei Kurt Wolff in Leipzig, der dem singulären Autor zuliebe den "Verlag der Schriften von Karl Kraus" gegründet hatte. 1919 brachte Wolff die Sammlung von Kraus’ Kriegsaufsätzen unter dem Titel "Das Weltgericht" in zwei Bänden sowie einen Aphorismenband heraus. Das erste Buch des - dank Projekt Gutenberg - digital lesbaren "Weltgerichts" beginnt mit dem legendären Text "In dieser großen Zeit" aus 1914, der zweite enthält "Fackel"-Texte und Kraus-Prosa bis zum Kriegsende 1918.

Streit mit Gönnerin

Durchschlagenden Erfolg hatte ab 1920 Kraus’ Drama "Die letzten Tage der Menschheit", dessen Epilog er bereits 1917 auf einer Reise mit der Adeligen Sidonie Nadherná von Borutin (mitunter auch Nadherný geschrieben) in den Schweizer Kanton Glarus verfasst hatte. Als ich vor zwanzig Jahren auf den Spuren des Autors in das Hotel Thierfehd am Tödi reiste, in dem Kraus und seine Begleiterin auf ihrer Automobilfahrt einst abgestiegen waren, zeigte mir die Glarner Wirtin stolz den Gästebucheintrag der beiden. Er sollte auch heute noch in dem zur Gemeinde Linthal gehörenden holzvertäfelten Bau unweit des idyllischen Talschlusses zu finden sein, wo man um die Bedeutung des "Fackel"-Herausgebers weiß. ("Thierfehd" umschrieb übrigens die Grenze zu einem uralten Jagdgebiet, wie schon der Name sagt.)

Leider zerstritt sich Kraus, der die Schweizer Idylle genossen hatte, mit seiner Gönnerin, die nach einigen Erlebnissen mit dem "On-off-Partner" postum versuchte, seinem Werk zu dienen und zu diesem Zweck mit Dr. Samek in New York Kontakt aufnahm. Ihre Initiative blieb aber ohne Erfolg, denn in den Fünfzigerjahren hatten bereits der literarische Nachlassverwalter Heinrich Fischer und die Kraus-Bekannte Helene Kann die allmählich wieder brennende "Fackel" in die Hand genommen, während der vom Autor zum Testamentsvollstrecker berufene Anwalt missmutig aus der Ferne zusah und ein Buch über seine Prozesse plante, das er nie vollendete.

Dass sich Samek als Hüter des Kraus’schen Erbes berufen fühlte, zeigt seine Initiative im Winter 1936, als er nach dem Tod des Autors dessen Arbeitszimmer in der Lothringerstraße ab- und detailgenau in seinem Haus in der Rudolfsheimer Reindorfgasse in einer ehemaligen Tischlerei im Hof als Privatmuseum wieder aufbaute. Die Kraus-Bibliothek ging anlässlich seiner erzwungenen Emigration im Oktober 1938 verloren, SA-Angehörige drangen in die Wohnräume ein und stapelten die Bücher im Hauseingang zur freien Entnahme, wie Dietmar Grieser berichtet.