Anfang der 1990er Jahre, als der blutige Zerfall Jugoslawiens gerade erst begonnen hatte, beschwor ein Buch die "Geister des Balkan" und machte deutlich, wie sehr sich die Geschichte dort für politische Zwecke der Gegenwart missbrauchen ließ. Die schlimmsten Gräuel dieser neuen Balkankriege waren da noch gar nicht geschehen: die lange Belagerung Sarajewos, das Massaker von Srebrenica, das Wüten in der Krajina. All das wirkte wie ein Rückfall in Grausamkeiten, die man in Europa eigentlich längst überwunden glaubte.

Wie tief sich diese Ereignisse ins individuelle und kollektive Gedächtnis eingegraben haben, zeigt immer wieder auf ebenso eindrückliche wie beklemmende Art die Literatur, die sich mit dem blutigen Zerfall Jugoslawiens befasst. Man denke nur an die Romane und Erzählungen von Dževad Karahasan oder Miljenko Jergović.

Zu diesem Kreis gesellt sich nun auch der 1972 geborene Zoltán Danyi. Er gehört der ungarischen Minderheit in Serbien an, studierte Philosophie und Literatur und übt heute den idyllisch anmutenden Beruf des Rosenzüchters aus. Seinem Debütroman (im Original 2015 erschienen) merkt man davon allerdings nicht viel an. Denn der namenlos bleibende Erzähler ist auf der Flucht vor den balkanischen Geistern der Vergangenheit, vor jenen "alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahren, die einfach kein Ende nehmen konnten oder wollten".

Eigentlich will er nach Amerika, doch er bleibt in Berlin hängen, geplagt von Ausscheidungs- und Verdauungsproblemen, die allesamt mit dem Grauen des Balkankriegs zu tun haben. An ihnen war er als Mitglied einer serbischen Einheit aktiv beteiligt gewesen, später hat er als Kadaverräumer serbische Straßen von überfahrenen Tieren befreit - doch die eigenen Leichen im Keller wird er nicht los.

In einer eindringlichen monologischen Suada erzählt er von seinem Leben. Die Zeiten und Ereignisse schieben sich dabei höchst kunstvoll in- und übereinander. Und am Ende kann allein das Sprechen, das Schreiben über das Erlebte zumindest vorübergehend die Gespenster bannen.