Gefängnisaufenthalte bringen zum Glück nicht nur schlimme Bücher hervor. Klar, Adolf Hitler schrieb "Mein Kampf" in den Monaten, als er - freilich recht komfortabel - 1924 in der Festung Landsberg einsaß. Als hingegen Xavier de Maistre, ein "geistvoller Reaktionär", 1790 in Turin wegen eines unerlaubten Duells 42 Tage Hausarrest verbüßen musste, schuf er ein Werk, das gattungsbildend werden sollte: "Reise um mein Zimmer" (1795 erschienen) war einerseits Parodie auf geografische Reiseberichte, aber natürlich auch ein den Umständen geschuldeter "Gedankenspaziergang", der aus der Not des Eingesperrtseins eine neue Romanform machte.

Diese "Zimmerreisen" waren fortan vor allem in der französischen Literatur ein beliebtes Genre und haben nun noch einen späten Sprössling hervorgebracht: Karl-Markus Gauß hat wie sein ferner Vorläufer "literarisch den eng umgrenzten alltäglichen Lebensraum als Schauplatz einer ins Weite führenden Reise genommen".

Umgekipptes Schiff

Das "Zimmer" ist in diesem Fall allerdings eine geräumige Wohnung in Salzburg, in der Gauß mit seiner Familie seit einem Vierteljahrhundert lebt, liest, nachdenkt und schreibt. Es ist der Ort, an dem so gut wie alle seine Reisebücher - ganz gleich, ob sie in die Ferne, in andere Lebenswelten oder in die eigene Vergangenheit führten - ihren Ausgang nahmen, der als Ort mitsamt allem, was er an Büchern, Möbeln und Gegenständen enthält, aber bisher nicht wirklich darin vorkam.

Umso bereitwilliger folgen wir Gauß in die zwei Etagen, die an "ein umgekipptes Schiff" erinnern (oben der Bauch, unten das Oberdeck) und so etwas wie den Nu-kleus des Gauß’schen Schaffens bilden. Dort steht der Schreibtisch im gleichen Raum wie das Bett, dort sind die unzähligen Bücher nach Sprach- und Kulturräumen sortiert, und dort blickt sein Bewohner durch Fensterscheiben, die seit 120 Jahren den Blick nach draußen gestatten. Diese Wohnung ist ein Ort, an dem jeder Gegenstand, jedes Buch, jedes Möbelstück eine Vergangenheit hat - eine persönliche und eine, die weit darüber hinausweist.

"Tatsächlich ist das Sprunghafte, Unsystematische seiner Welterkundung im Zimmer ein charmanter Zug des Buches, das bald einen Gegenstand erfasst, bald von ihm abschweift und ihn aus den Augen zu verlieren scheint."

Das schreibt Gauß über de Maistres "Reise", aber es gilt gleichermaßen für sein eigenes Unterfangen. Es demonstriert auf gewohnt elegante und nie weitschweifige Weise die "Ortshaftigkeit der Erkenntnis", also die Tatsache, dass ohne festen Ort bzw. Standpunkt die Welt nicht ertragreich wahrzunehmen ist.

Man muss nicht gleich Blaise Pascals berühmtes Diktum bemühen, wonach die Welt eine bessere und glücklichere wäre, wenn die Menschen daheim blieben und nicht ständig rastlos unterwegs wären. Aber Gauß’ eminent kluge und gleichermaßen empathische Ausschweifungen in Zeit und Raum führen eindringlich vor Augen, dass wir die glänzenden Reisetexte dieses Autors, die uns zumeist in die Randgebiete Europas führen, seiner "Sesshaftigkeit" zu verdanken haben. Und seiner "Anhänglichkeit" an Dinge, die keine Sammelwut ist, aber doch all die bewusst spartanisch eingerichteten Wohnräume, die heute so chic sind, als seelenlose Gefilde erscheinen lässt. Selbst die billigen Duschhauben, die man in Hotels vorfindet und die Gauß mit Hingabe sammelt, sind diesem Ethnologen des Alltags Anlass zu einer berückenden Betrachtung über dieses "Kleidungsstück der Einsamkeit".

Verstummtes

Gauß war schon immer ein Melancholiker, aber mit dem Alter - er feiert im Mai seinen 65. Geburtstag - scheint dieser Wesens- und Schreibzug stärker zu werden. "In der Wohnung ist Platz für viele Tote." Und so wirken nicht wenige Kapitel dieses Buches wie Grabschriften für früh verstorbene Freunde, die in bestimmten Dingen weiterleben, für Künstler, die mit ihren Werken Spuren hinterlassen haben. Vielleicht ist Gauß tatsächlich vor allem das: ein großer Philosoph des Verschwindens, des Verschwindenden, der Menschen und Dinge, Verstummtes und Vergessenes ins Gedächtnis retten will. Dazu gehört auch dieses Buch, das er eigentlich schon seinem imaginären Lebensprojekt "Alle meine Bücher, die ich nicht mehr schreiben werde" zugesellen wollte. Zu unserem Glück hat er sich anders entschieden.

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