Nein, man kann nicht sagen, dass Stefan Zweig anno 1915, bei der Abfassung dieses Buches, das nun, aus dem Nachlass herausgegeben, den Titel "Vor dem Sturm" trägt und die entscheidenden Geschehnisse vor dem Ersten Weltkrieg zeigt, unvoreingenommen war. Wie auch, gehörte Zweig doch damals, so wie Rudolf Hans Bartsch, Erwin Rieger, Alfred Polgar und - eine Zeit lang - Rainer Maria Rilke, der "Literarischen Gruppe" des Kriegsarchivs an. Und der Auftrag, einen Text zu schreiben, der für die Kriegserklärung des Kaisers an Serbien um Verständnis wirbt, kam von der Militärverwaltung der k.k. Monarchie Österreich-Ungarns.

Aber Zweig - der überzeugte Pazifist, der es als seine "moralische Pflicht" ansah, "den Mord zu verweigern", wie er 1917 in seinem an Romain Rolland übergebenen "Testament des Gewissens" festhielt - erweist sich in diesem Auftragsbuch nur oberflächlich als parteiisch, und nur vordergründig als patriotisch. In der Summe des Dargestellten zeigt er sich auch in "Vor dem Sturm" als das genaue Gegenteil eines Bellizisten.

Vor dem Weltenbrand

Die Rollen in diesem Buch, das das verhängnisvolle Zusteuern auf den Weltenbrand in dramatisch effektvoller Weise schildert, sind von Anfang an klar verteilt. Um die Jahrhundertwende, als noch die "Friedenglocken läuten" (da steigt Zweig in den Lauf der Geschichte ein, und stellt die späteren Kombattanten vor), ist Deutschland zwar "erstarkt, aber noch immer in Selbstordnung begriffen", Italien ebenfalls ganz mit "innerer Konsolidierung" beschäftigt, und in Österreich-Ungarn würde "jede äußere Machterweiterung zunächst das innere Gleichgewicht seiner Nationen verrücken und stören".

Darum, so Zweig, ist "seine Absicht keine expansive, sondern einzig eine pazifikatorische". Auch Frankreich, obwohl 1871 von Deutschland gedemütigt und seitdem auf Revanche gesinnt, "ist merkwürdig versöhnlich gestimmt um jene Jahrhundertwende".

So weit, so gut. Aber die "Landgier" anderer Nationen ist noch unerwähnt und Zweig mit seiner Darstellung des Status quo noch nicht am Ende: Am Balkan "brodeln wie immer kleine Kämpfe", England vollendet in "nicht eben heroischen Kriegen die Eroberung des afrikanischen Weltteils" und Russland - aus eben diesem Grund "seines unangenehmsten Konkurrenten um die Weltmacht ledig" - lenkt "seinen Willen nach Osten". Und will dort nichts weniger als "ein ganzes ungeheures Reich, die chinesische Welt mit ihren hunderten Millionen, sich unterjochen".