In keiner Musiksendung, in der Antonin Dvorak vorkommt, wird versäumt darauf hinzuweisen, wie wenig zutreffend der Titel seiner 9. Sinfonie sei: alles böhmisch, in Wirklichkeit, aber freilich, geschrieben hat er sie "drüben". So ist es auch in der Literatur. Amerika bleibt für die Schriftsteller der Alten Welt etwas Entrücktes, Phantasmatisches, egal, wie authentisch sie ihre Erlebnisse zu Geschichten formen.

Wie sollte es auch anders sein? Niemand schüttelt seine Herkunft leicht ab, zumal wenn er schreibt - aber genug des essayistischen Schweifens. Eines der in seiner konzisen, ja geradezu barschen Diesseitigkeit völlig undeutschen und absolut unvergesslichen Bücher ist für mich seit langem Johann Gottfried Seumes "Spaziergang nach Syrakus". Nun kann man seine ebenbürtige, also gleichfalls umwerfende Autobiografie lesen (Johann Gottfried Seume: Mein Leben. Erstmals ungekürzt hrsg. von Dirk Sangmeister. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 479 S.).

Seit seinem Entstehen vor gut 200 Jahren ist dieses Buch stets von neuem aufgelegt worden, jedoch hat es bis heute gedauert, dass sich jemand die Mühe machte, eine sorgfältige Edition auf der Grundlage des Manuskriptes zu erstellen.

So hebt Seume also an: "Das Mißliche einer Selbstbiographie kenne ich so gut als sonst irgend jemand; und ich halte mich für nicht wichtig genug, daß überhaupt mein Leben beschrieben werde (. . .) Schon Herder, Gleim, Schiller und Weiße und mehrere noch Lebende haben mich aufgemuntert, nach meiner Weise die Umstände meines Lebens, das sie wohl für wichtiger hielten, als es war, schriftlich niederzulegen. Ich glaubte, das wäre im achtzigsten noch frühe genug: aber meine jetzigen Gesundheitsumstände erinnern mich es nicht zu verschieben, wenn es geschehen soll. Mehrere meiner Freunde drohen mir, wahrscheinlich genug, daß ich auf alle Fälle einem Biographen doch nicht entgehen würde und da fürchte ich, denn einem Sudler oder Hyperkritiker oder gar einem schalen geschmacklosen Lobpreiser in die Hände zu fallen. Niemand kann doch besser wissen, was an und in ihm ist, als der Mann selbst, wenn er nur redlich Unbefangenheit und Kraft genug hat, sich zu zeigen wie er ist."

So erzählt der 1763 Geborene also ohne weitere Umstände sein frühes Leben. Durch den Tod des Vaters wird die Familie bald in Armut gestürzt, allerdings erkennt man die Begabung des Jungen, schickt ihn in die Schule, lässt ihn studieren, bis sich sein legendärer Eigensinn endgültig Bahn bricht und er 1781 dem Theologiestudium in Leipzig entflieht. Auf dem Weg nach Frankreich, wo er größere Freiheit zu finden hofft, gerät er in die Fänge des hessischen Militärs und wird als Soldat nach Nordamerika verschifft. Dort darf er gleich vielen anderen Deutschen in englischen Diensten Krieg gegen die jungen Vereinigten Staaten führen helfen.

Diesem Umstand (den in allen Einzelheiten aufzuklären Seume unterlässt) verdanken wir einige frühe Eindrücke aus der Neuen Welt, über eine Ansiedlung wie die Hafenstadt Halifax, den Militärdienst, über Tier- und Pflanzenwelt ebenso wie die ursprünglichen Einwohner: "Die sogenannten Wilden (. . .) kamen gewöhnlich zur See, in ihren bekannten Booten von Birkenrinde, die meisterhaft gebaut waren und die sie mit ihren kleinen Rudern meisterhaft zu führen verstanden. Die englischen Matrosen, die es ihnen nachthun wollten, verloren sehr oft das Gleichgewicht und fielen in den See, worüber denn die Indier und über das europäische schwerfällige Schwimmen herzlich lachten (. . .)". Auf eine heitere, sozusagen unkolonialistische Weise beschreibt Seume die Szenerie einer Zeit und Gegend, die so ungefähr jener in James Fenimore Coopers "Lederstrumpf"-Bänden geschilderten entspricht.

Nach knapp 100 Seiten ist unser Erzähler gerade wieder in Europa gelandet. Seine eingangs erwähnten "Gesundheitsumstände" sind dergestalt, nämlich so schlecht, dass er, ehe er noch mehr schreiben kann, mit nur 47 Jahren stirbt. Die restlichen 350 Seiten des Buches füllen einige ergänzende Briefe Seumes und ein umfangreicher Anmerkungs- und Nachwortteil, der keine Fragen offen und keine Wünsche mehr übrig lässt. Für alle Seume-Fans ist das Buch ein Muss, für alle anderen eigentlich auch.