Bis zuletzt wird gearbeitet, um das Gastland Tschechien auf der Leipziger Buchmesse würdig zu präsentieren. - © apa/dpa-Zentralbild/Jan Woitas
Bis zuletzt wird gearbeitet, um das Gastland Tschechien auf der Leipziger Buchmesse würdig zu präsentieren. - © apa/dpa-Zentralbild/Jan Woitas

Leipzig/Wien. (eb) "Ahoj", so grüßen nicht nur die Seeleute, "ahoj" grüßen auch die Tschechen. Als ob es nicht zwischen dem Binnenland und der Seefahrt eine ganz enge Verbindung gäbe. Schlag nach beim großen tschechischen Schriftsteller Karel Čapek, in dessen Roman "Der Krieg mit den Molchen" ein Kapitän namens Van Toch eine wichtige Rolle spielt. Van Toch - eindeutig Niederländer und somit genuiner Seefahrer? Vantoch heißt er in Wahrheit und kommt aus dem Land, das schon Shakespeare in seinem "Wintermärchen" ans Meeresufer verlegt hat.

"Ahoj" also verbindet Tschechien mit dem Meer und der Literatur und dem Meer an Literatur, und so heißt denn das Motto der am Donnerstag beginnenden Buchmesse "Ahoj Leipzig!": Tschechien ist das Gastland. Was ins Gedächtnis ruft, dass die goldenen Jahre der tschechischen Literatur in deutschen Übersetzungen vorbei sind.

Fast unbekannte Gegenwart

Noch vor gar nicht langer Zeit sah das ganz anders aus: Milan Kundera, Pavel Kohout und Bohumil Hrabal waren ein Begriff, der tschechische Fantast Josef Nesvadba bewies Geschichte für Geschichte und Roman für Roman, dass Science Fiction und hohe Literatur zusammentreffen können, 1984 erhielt der Lyriker Jaroslav Seifert völlig zu Recht den Literaturnobelpreis. Aus früheren Generationen tschechischer Autoren waren zumindest Čapek mit seinen philosophischen Science-Fiction-Satiren und Jaroslav Hašek mit seinem unverwüstlichen Švejk präsent.

Heute hingegen: fast Fehlanzeige. In den Buchhandlungen liegen vielleicht Teile der Jiří-Gruša-Gesamtausgabe auf - immerhin ein lobenswertes Unterfangen des Wieser Verlags. Aber sonst? - Es ist fürwahr an der Zeit, das Literaturland Tschechien wieder dem Bewusstsein der Leser zuzuführen.

Tomáš Kubiček ist Direktor der Mährischen Landesbibliothek in Brünn. Er verantwortet im Auftrag des Kulturministeriums den Auftritt Tschechiens als Gastland auf der Leipziger Buchmesse. Zwei Jahre hat das Team am Programm für den Gastland-Auftritt gebastelt. Ursprünglich war der Plan, 40 Autoren in Leipzig zu präsentierten, sagt Projektkoordinator Martin Krafl, ehemaliger Leiter des Tschechischen Zentrums Wien. "Aber wir fanden das etwas begrenzt." Nun kommen 55 Autorinnen und Autoren nach Leipzig. Darunter sind Jáchym Topol, Iva Procházková oder Jaroslav Rudiš und sehr viele junge Schriftsteller. 70 Neuerscheinungen haben sie im Gepäck. Der Buchmesse-Auftritt ist zudem eingebettet in ein ganzes tschechisches Kulturjahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Bisher seien im Jahr fünf oder sechs Titel ins Deutsche übersetzt worden, sagt Kubiček. "Das ist nicht so viel." In den anderen Nachbarländern sehe es für die Tschechen besser aus. In Polen erscheinen laut Kubiček 25 bis 30 neue Bücher aus Tschechien, die Verbindungen zur Slowakei seien sowieso eng. Und auch auf dem Balkan oder in der Ukraine sei die Position der tschechischen Literatur vergleichsweise stark.

Unter dem Gastland-Motto "Ahoj Leipzig!" sollen nun die Barrieren zum deutschsprachigen Mark abgebaut werden. Ein Erfolg in den DACH-Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz) sei zentral für das Vorankommen der tschechischen Literatur in der Welt, sagt Ondřej Buddeus vom Literaturzentrum CzechLit. "Was dort räsoniert, werden wir international zeigen können." Auch Übersetzer gebe es genug, sagt Buddeus. Auf "40 plus x" beziffert er die Zahl der Experten, die tschechische Literatur ins Deutsche übertragen könnten. "Damit lässt sich schon arbeiten." Die Situation für die Tschechen ist somit auch komfortabler als zum Beispiel für Litauen, das 2017 Gastland der Leipziger Buchmesse war. Die Zahl der Übersetzer aus dem Litauischen ließ sich an einer Hand abzählen.

Nominiert für den Buchpreis

Nicht in direktem Zusammenhang mit dem Literaturland Tschechien, wohl aber ebenso spannend ist die Frage, wer am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse erhält. Nominiert sind in der Belletristik-Sparte "Babel" der deutschen Schriftstellerin Kenah Cusanit, "Der traurige Gast" des polnisch-deutschen Autors Matthias Nawrat, "Schäfchen im Trockenen" der Deutschen Anke Stelling, "Die Geschichte der Frau" des türkisch-deutschen Autors Feridun Zaimoglu und das Gastland ist mit "Winterbergs letzte Reise" von Jaroslav Rudiš vertreten.