Warum nicht ein Gedicht über einen Salzstreuer schreiben? In allem ist Poesie. - © stock.adobe/BillionPhotos
Warum nicht ein Gedicht über einen Salzstreuer schreiben? In allem ist Poesie. - © stock.adobe/BillionPhotos

Heute ist der Welttag der Poesie! Warum schreiben Sie nicht ein kleines Gedicht? Statt rauchenden Kopfes über Sudoku-Zahlen zu sitzen, könnte man doch einmal über Versen schwitzen.

Ja, es macht Spaß! Man darf sich nur nicht Goethe oder Brecht als Latte legen, über die man mit dem eigenen dichterischen Vermögen drüberkommen will. Nebenbei: Die haben auch reichlich Rossäpfel aufgesammelt, die vom Pegasus fielen.

Kein rechtes Thema zur Hand, das sich als Gedicht eignet? - Bitte keine Ausflüchte. Alles eignet sich. Der Schweizer Dichter Rainer Brambach hat ein Gedicht über Salz geschrieben. Es ist eines der schönsten Gedichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Römer Catullus hat ein Meisterwerk über die Heimkehr eines Freundes verfasst. Das allerschönste Gedicht in deutscher Sprache, nämlich "Wanderers Nachtlied" von Goethe, hat, der Titel verrät es schon, etwas Alltägliches wie die Nacht zum Thema.

Warum nicht das zum Thema machen, was man gerade vor sich hat, eine Tasse Kaffee etwa oder den PC oder den Baukran, den man sieht, wenn man durch das Fenster schaut, oder wie wäre es mit dem Fleck von der Spaghettisoße auf dem weißen Hemd ("Verdammter Fleck, was bringt dich nur weg...")? Bei einem Gedicht kommt es nie auf das Was an, sondern immer nur auf das Wie. Wie viel Mist ist über die Menschheitsthemen Liebe und Tod gereimt worden - aber aus einer Schnupftabakdose hat Joachim Ringelnatz eine Köstlichkeit gemacht.

Die Schönheit
im eigenen Leben

Nur Mut, heißt die Devise! Es geht schließlich nicht um den Literaturnobelpreis, sondern um etwas viel Wichtigeres: dem eigenen Leben Schönheit hinzugewinnen. Und dazu noch einen Tipp von Amelie Gräf, einer brillanten Kreatives-Schreiben-Trainerin aus Hamburg: ein Haiku pro Tag. Das ist wirklich ganz einfach. Die japanische Gedichtform hat drei ungereimte Zeilen, von denen die erste und dritte fünf Silben zählt und die mittlere sieben. Jeden Tag, so quasi als Tagebucheintrag, ein Haiku verfassen: Das ist nicht nur ein Schritt hin zur Poesie, den jeder gehen kann, sondern es schärft obendrein die Wahrnehmung. Scheinbare Nebensächlichkeiten gewinnen an Bedeutung, scheinbare große Dinge schrumpfen, das Grau bekommt Schattierungen und sogar Farbtupfer. Der poetische Alltag ist bunt.

Will man nicht selbst ans versifizierende Werk gehen (warum eigentlich nicht? - und wäre der Unwille nicht ein interessantes Thema für ein Gedicht?), ist man der Poesie noch lange nicht verloren. Poesie ist nicht Dichtung allein, Poesie ist eine Haltung.