"Ja, ein Roadmovie über eine durchgeknallte Familie (. . .) Es geht um einen erfolglosen Schriftsteller, der von seiner Freundin aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen wird und zu seinen Tanten ziehen muss. Der Ehemann der einen Tante kommt aus Bosnien und hat sich sein Leben lang gewünscht, dort begraben zu werden. Der Film beginnt, der Onkel stirbt, und weil die Tanten und der Neffe das Geld für die regelkonforme Überführung nicht haben, setzen sie die Leiche in einen Golf und fahren damit bis nach Bosnien."

So skizziert der arbeitslose Schauspieler Lorenz aus Vea Kaisers neuem Roman "Rückwärtswalzer" das Drehbuch, das er geschrieben hat und das ihm nun endlich wirtschaftlichen Erfolg einbringen soll. Er gibt damit gleichzeitig seine Geschichte und den Inhalt des Romans wieder, dessen zerzauster Held er ist.

"Ein bisschen unglaubwürdig, aber es ist ja ein Film", antwortet seine Ex-Freundin Stephi, die ihn wegen einer neuen Flamme verlassen hat. Sie nimmt damit eine zutreffende Aussage über dieses Buch vorweg: "Ein bisschen unglaubwürdig, aber es ist ja ein Roman."

Durchgeknallte Truppe

Eventuell wäre "ein bisschen" durch "ziemlich" zu ersetzen, denn es ist schon ein starkes Stück, was Familie Prischinger aus dem Waldviertel sich in dieser Geschichte leistet: Die Leiche von Lorenz’ Onkel Willi wird in der Kühlkammer eines Fleischereibetriebes tiefgefroren, damit sie beim Transport nach Montenegro auf dem Beifahrersitz eines Fiat Panda nicht zu "safteln" beginnt.

Welch "durchgeknallte" Truppe in diesem Auto zusammengefunden hat, erfährt man nach und nach, denn die lange literarische Fahrt bietet Kaiser die Möglichkeit, Rückblenden auf das Leben der im Wagen befindlichen Passagiere einzuschieben. Neben Lorenz und Onkel Willi sind dies die drei unzertrennlichen Schwestern Mirl, Wetti und Hedi Prischinger. Diese haben höchst unterschiedliche Schicksale durchlebt, aber es gibt doch ein paar Dinge, die sie einen, zum Beispiel ihre schier maßlose Koch- und Esslust, nicht aufgearbeitete Schuldgefühle aus der Kindheit sowie das Familien-Motto "Niemand wird zurückgelassen".

Außerdem sind sie alle drei tatsächlich ein bisschen durch den Wind, denn sie finden offensichtlich nicht viel dabei, den tiefgefrorenen Willi in Richtung Balkan zu chauffieren. Wobei nicht nur eine Leiche, sondern gemäß dem Familienmotto zusätzlich schon länger verstorbene Verwandte als "Manen" (Totengeister) mit an Bord sind: "Auch diejenigen, die nicht mehr waren, blieben dabei. Solange man auf sie hörte."

Während die Leiche nach und nach auftaut, entspinnt sich ein weitverzweigtes, über mehrere Generationen reichendes Netz aus Familiengeschichte, Einzelschicksalen und mythologischen Anspielungen, wie man es schon aus Vea Kaisers früheren Romanen kennt. Angesichts der übervollen Darbietung an skurrilen Episoden ist es eine Frage des literarischen Geschmacks, ob auch die Leser bei dieser Geschichte auftauen und der Erzählerin bis zum Schluss unvoreingenommen folgen.

Die österreichische Bestsellerautorin (Jahrgang 1988) setzt nämlich nicht auf eine streng durchstrukturierte, sprachlich bis ins Feinste geschliffene Komposition, sondern vielmehr auf Fabulierlust und gute Unterhaltung. Die "Originalität um jeden Preis" geht allerdings zum Teil auf Kosten des Tiefgangs.

Obwohl Vea Kaiser durchaus berührende Szenen gelingen und viele Anekdoten großes Lesevergnügen bereiten, stellen sich zwischendurch Ermüdungserscheinungen ein. Aber auf einer ansonsten durchaus interessanten und amüsanten literarischen Reise, die sich über 1029 Kilometer bzw. über 400 Seiten erstreckt, ist das verzeihlich.