Ein unablässig Schreibender: In mittlerweile dreizehn Romanen hat der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem die Gegenwart seines Landes und deren unterschwellige Wirklichkeiten vermessen, souverän mit verschiedensten Genres und literarischen Traditionen hantierend.

Größtenteils in Brooklyn, New York aufgewachsen, lebt er mit seiner Familie seit einigen Jahren im kalifornischen Hinterland von Los Angeles - gerade so, als ob er von diesen beiden bedeutsamen Randpositionen den schärferen Blick auf die Paradoxien und Zusammenhänge Amerikas hätte.

Auch für Phoebe, Heldin seines neuen Romans "Der wilde Detektiv" und "reinrassiges Produkt Manhattans", ist es die Achse New York-Los Angeles, auf der sie unterwegs ist - und zwar weitaus abenteuerlicher, als sie sich das beim Aufbruch aus ihrem arbeitsreichen, gepflegten New Yorker Leben hatte träumen lassen. Von den archaisch-abgründigen Räumen der kalifornischen Wüsten hatte die Städterin mit Hang zum Größenwahn ebenso wenig Ahnung gehabt wie von dortigen Überlebenskämpfen und alttestamentarischen Gesetzen à la "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Phoebe, selbst kinderlos, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verschwundene Tochter ihrer Freundin von einem Ausreißertrip zurückzuholen, der den Teenager Arabella in die Nähe von Leonard Cohens Mount Baldy geführt haben musste.

Was hier beginnt, ist weniger ein Krimi denn ein literarischer Western. In den schillernden Figuren, die in den Bergen gegeneinander kämpfen, kreuzen sich Cowboys und Hippies, politische Aussteiger und zu allem entschlossene Sektenführer. Ob diese weitab der Zivilisation Überlebenden eher utopisch oder dystopisch unterwegs sind, ist unentschieden. Wobei, was ist denn Zivilisation? Gibt es sie noch? Eine der "Verrückten" in der Wüste liest aus den Kondensstreifen am Himmel heraus, "dass alles weitergeht, dass sie weiterheucheln, dass die Bomben noch nicht abgeworfen worden sind (. . .); nichts tut ihnen leid, und unsere Aufgabe ist es, das alles zu bezeugen und an unserem sterbenden Planeten festzuhalten."

Ist das wirklich so verrückt? Phoebe jedenfalls empfindet diese brutale, gestörte Welt in einem Amerika unter Trump als die wahrere. In die "Welt der Leitartikel, der Konzeptkunstinstallationen und der Sektempfänge" will sie nicht zurückkehren, so "lieb" sie auch gewesen war. "Sie ist untergegangen."

Dass Jonathan Lethems Roman, klug, voller Bezüge zum Kosmos der Popkultur, auf vielen Ebenen gelesen und genossen werden kann, hat mit der so poetischen wie präzisen Sprache (hervorragend übersetzt von Ulrich Blumenbach) zu tun, die sowohl einen Raum für sein politisches Entsetzen wie auch für Spannung schafft. Sehr traurig und sehr lustig zugleich - ein echter Lethem.