Virtuos, poetisch, schalkhaft: Alfred Pfabigan. - © Valerie Pfabigan
Virtuos, poetisch, schalkhaft: Alfred Pfabigan. - © Valerie Pfabigan

Was wäre, wenn es so wäre, wie ich es mit eigenen Augen zu erkennen glaube? - So lautet die abstrakte Kernfrage, die hinter Alfred Pfabigans jüngstem Essay "Kaiser, Kleider, Kind" steckt, die aber, so formuliert, kaum verständlich ist, darum auch nicht in dieser Weise vom 1947 geborenen Autor gestellt, sondern implizit über mehrere Stationen hinweg vorbereitet wird.

Konkret und bekannt kommt uns hingegen Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider" vor, das erstmals im Jahr 1837 veröffentlicht wurde und scheinbar im Zentrum von Pfabigans Essay steht. Da behaupten zwei Weber dem Kaiser gegenüber, dass jene vortrefflichen Kleider, die sie zu verfertigen wüssten, nur von denjenigen gesehen werden könnten, die nicht entweder schrecklich dumm oder für ihr Amt ungeeignet seien.

Motiv des Betrugs

Die Geschichte rührt in ihrer Grundstruktur aus dem Mittelalter, und Pfabigan, emeritierter Professor für Sozialphilosophie an der Universität Wien, zeigt präzise die komparatistischen Spuren der Textgenese auf, beleuchtet jenes Motiv des Betrugs, der genau genommen ein doppelter ist. Wer auch immer sieht, was Sache ist, sprich: die kaiserliche Hoheit nackt vor sich hat, wird sich gut überlegen, wie er über seine Sicht Zeugnis ablegen will. Die Wahrnehmung wird zur Tauglichkeits- beziehungsweise Gewissensprüfung, und das gilt für den Kaiser in demselben Maße wie für all jene, die in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis zum unbekleideten Inhaber der Macht stehen.

Auch die Auflösung in Andersens Märchen ist wohlbekannt: Ein unschuldiges Kind deckt während der öffentlichen Parade den Betrug auf, indem es laut ausspricht, was alle längst sehen: "Er hat ja gar nichts an." Schon im Vorwort macht Pfabigan keinen Hehl daraus, von dieser glücklichen Wendung wenig angetan zu sein; der Erfolg des Kindes, das mit seinem Ausspruch die Menge überzeugt, sei "billiger Optimismus, der die Verbrechen der zahlreichen erfolgreichen Betrüger des vergangenen Jahrhunderts ebenso herunterspielt wie den erfolglosen Widerstand". Bevor sich der Essayist aber eines anderen Schlusses bedient, gibt er lustvoll Andersens Märchen in eigenen Worten aus sechs unterschiedlichen Perspektiven wieder.

Pfabigans Variationen sind ein Lesegenuss: Virtuos, poetisch und mit Schalk erzählt, erfahren wir dieselbe Geschichte nacheinander aus der Sicht des Kaisers, der beiden Weber, des alten Ministers, des Sekretarius, des Kindes und schließlich des Volkes. Fraglos haben wir es mit einem so belesenen und gelehrten wie auch dialektisch brillant agierenden Autor zu tun, dessen Variationen einerseits kontaminiert sind mit Versatzstücken aus anderen Märchen, und der andererseits zwischen den Zeilen Erkenntnisse aus Philosophie und Psychologie mitschwingen lässt, die durch alle Textur hindurch subkutan ihre Wirkung entfalten. Nach und nach werden Leser mit den Bedingungen eines Konformitätszwangs nach Foucault’scher Manier infiltriert und wie nebenbei der Beziehung von Sprachmacht und Deutungshoheit gewahr, wie sie weit mehr als nur die Banalität des Bösen durchschimmern lässt.