Zum 19. Mal zeigt Köln heuer Wien, wie man ein erfolgreiches Literaturfestival veranstaltet. Die LitCologne, über zehn Tage mit einer Vielzahl an Lesungen, Diskussionen und Themenabenden laufend, die nahezu alle ausverkauft sind (und das heißt an manchen Abenden mehrere tausend Besucher), hat sich mittlerweile zu einem der größten Literaturevents Europas gemausert. Nein, da kann Wien nicht mithalten (und will es allem Anschein nach auch gar nicht; wir haben ja dafür - wenn auch auf anderem kulturellen Gebiet - die Festwochen oder die Viennale).

Dafür will Wien es Köln auf anderem, literarischem Wege zeigen: nämlich, was ein wirklich großer Autor ist bzw. war. Heinrich Böll, gut, okay, na ja, bei aller Liebe, aber was ist der - selbst im Nachhall - gegen Heimito von Doderer!? Genau dem war nämlich heuer ein Programmabend bei der LitCologne gewidmet. Und dafür wurden zwei in Wien geborene Damen aufgeboten, die schon lange in Deutschland leben - als Vermittlerinnen somit bestens geeignet scheinen: die Autorin Eva Menasse und die Schauspielerin Senta Berger.

Leichter Aufstieg

Menasse, die sich schon an anderer Stelle als kundige Führerin durch die Textmassive des Wiener Großschriftstellers erwiesen hat, macht auch in Köln ihre Sache gut und überzeugend. Sie will einem - vermutlich weitgehend Doderer-unkundigen Publikum - einen möglichst leichten Aufstieg in die erhabenen und erhebenden Sprachwelten des Fast-Nobelpreisträgers ermöglichen. (Dass gerüchteweise Elias Canetti diesen Preis mit Vernaderungen seines Konkurrenten bei der Stockholmer Jury einst verhindert haben könnte, lässt Menasse nicht unerwähnt.)

Sie rät also ab, mit der "Strudlhofstiege" zu beginnen, einem allzu gewagten und steilen Einstieg, sondern empfiehlt stattdessen den Zugang über die schmale Hintertreppe von Doderers Kurz- und Kürzestgeschichten. Senta Berger liest - da der Abend unter dem Motto "Wut und Idylle" steht - passenderweise drei von acht "Wutanfällen": kuriose Miniaturen, die Doderers grimmigen Witz im Umgang mit einem ihm selbst nicht fremd gebliebenen Gefühl der rasch anschwellenden Rage zeigen, etwa gegenüber tückischen Objekten (wie "bissigen" Teekannen).

Von diesen Wut-Etüden ist der Weg zu den "Merowingern" nicht weit, dem Wut-Roman schlechthin, dem Eva Menasse - im Gegensatz zu ihrem (Halb-)Bruder Robert, der ihn für einen zum Roman aufgeblasenen "Witz" hält - den literarisch-belletristischen Wert nicht abspricht. Und sie glaubt gerade einem bekanntermaßen karnevalistischen Publikum wie jenem von Köln die absurd-komischen "Wutmärsche"-Szenen aus der Eröffnung des Romans auszugsweise zumuten zu können, was sich - anhand der hörbar einstellenden Heiterkeit - als völlig richtige Einschätzung erweist.