Als perfekten Einstieg in die Romanwelten Doderers preist die seit langem in Berlin lebende (und zur Zeit als Mainzer Stadtschreiberin tätige) Autorin aber die "Wasserfälle von Slunj" an, also Doderers Spätwerk (von 1963), für Menasse eine "reine Essenz" aus Sprache und Atmosphäre, eine Herbststimmung mit goldenem Abgang, klar und weniger verschachtelt als die Großromane "Strudlhofstiege" und "Dämonen", die sie eher Proust-, Dostojewski- und "Zauberberg"-geübten Lesern empfiehlt. "Wenn Sie nur einen Doderer-Roman lesen, dann diesen!", propagiert Menasse nochmals die "Wasserfälle", am besten in der schmucken neuen Ausgabe im C.H. Beck-Verlag - "mit einem kompetenten Nachwort" - kurze Pause - "von mir".

Künftige "Heimitisten"

Die erfrischende Selbstsicherheit ist in diesem Zusammenhang - und das gilt für die gesamte Anwerbung neuer Doderer-Leser, ja mithin vielleicht sogar künftiger "Heimitisten" (wie die Gemeine der Doderer-Kundigen sich gerne bezeichnet) - nur würdig und recht. Eva Menasse hat dafür das richtige Maß an (Selbst-)Überzeugung. Sie spart übrigens auch Doderers kurzen Flirt mit dem NS-Regime nicht aus, auch wenn sie wohl zurecht darauf verweist, dass das Werk davon nicht infiziert wurde - und man keine "antifaschistischen Schutzhandschuhe" anziehen müsse, um sich ihm zu nähern. Sie empfiehlt stattdessen ein generelles Nachdenken über "Verführbarkeit", am besten auch gleich über die eigene.

So wie Menasse den passenden Animations-Ton, so trifft Senta Berger den richtigen Vorlese-Ton, obwohl sich bei der reizenden "Fini- und Feverl"-Passage aus den "Wasserfällen" (wo die beiden Wiener Huren ein Kind vor dem Ertrinken im Donaukanal retten) doch unüberhörbar bayerische Spuren ins Wienerische der seit langem in München lebenden Schauspielerin mischen. Aber sei’s drum. Doderer, selbst eine Zeitlang in Bayern beheimatet, wäre darob wohl nicht wütend geworden. Oder vielleicht nur ein bisschen.

Kein bisschen wütend zeigt sich Julian Barnes. Dafür besteht auch keinerlei Anlass, so wie der britische Autor vom Kölner Publikum in Empfang genommen wird - nämlich frenetisch. Augenscheinlich ist der Engländer generell emotional ausgeglichen, wohltemperiert und von perfect manners, für welche Tugenden seine zumeist gebildeten Landsleute bekannt sind, von denen der Abschied (so er denn je wirklich kommt) für den Rest Europas besonders schwerfällt. (Von den wütenden Skinheads weniger - aber die haben wir ja selbst auch.)

Reflexions-Prosa

Alles das, und eine feine, zurückhaltende (Selbst-)Ironie, zieht sich nicht nur durch Barnes’ Werk, sondern zeigt sich auch bei seinem Auftritt bei der LitCologne, zu der er mit seinem jüngsten, zurecht hochgelobten Roman "Die einzige Geschichte" (der von der Beziehung eines 19-Jährigen zu einer mehr als 30 Jahre älteren Frau handelt) angereist ist. Vom Moderator etwa auf den Unterschied zwischen dem englischen "love is blind" und dem deutschen "Liebe macht blind" angesprochen, zuckt Barnes nur die Achseln - und meint lapidar: "Daran sieht man, wie weit wir von Europa entfernt sind".

Bei der Veranstaltung - und in dem Roman - erweist er sich aber nicht nur als gewitzter, schlagfertiger, sondern auch als im besten Sinne nachdenklicher Gesprächspartner und Autor. Die Romane von Julian Barnes sind ja allesamt nicht nur wegen ihrer virtuosen Erzählweise besonders lesenswert und tiefgehend, sondern auch - und vielleicht sogar vor allem - wegen ihrer Reflektiertheit. Sie gehen, exzeptionell unangestrengt, moralischen Fragen nach, erörtern sie auf so lebenspragmatisch kluge wie anschauliche
Weise.