Arno Strobel hat wieder zugeschlagen. Zum Abschluss seiner "Im Kopf des Mörders"-Trilogie lässt er seinen Protagonisten Max Bischof noch einmal in die Abgründe der menschlichen Seele eintauchen. In "Toter Schrei" wird Kirsten, die im Rollstuhl sitzende Schwester des Kriminalkommissars, entführt – und Max ist von Anfang an klar, dass der Täter ein aus der Haft entlassener Ex-Polizist ist, den er einst überführt hat. Und weil Kirstens Entführer allzu viele Insiderwissen hat und davon ausgehen muss, dass es unter den Kollegen einen Maulwurf gibt, ist er zu einem gefährlichen Alleingang gezwungen. Zumal der Entführer eine Kollegin Polizistin ermordet und Max perfide zum Hauptverdächtigen macht. Selbst sein bester Freund und Partner scheint sich schwer zu tun, ihm zu glauben. Wie ein Dampfhammer treibt Strobels Polizeiroman seinen Protagonisten vor sich her, gejagt von den eigenen Leuten. Mit Hochspannung bis zur letzten Seite – nur die überraschende Auflösung ist dann doch ein wenig fragwürdig. Handwerklich kann man dem geübten Thrillerautor aber nichts vorwerfen.

Anders bei Bernard Minier. Auch in dessen neuem Martin-Servaz-Band begegnet die Hauptfigur ihrer Nemesis, hier in Form des hochintelligenten Schweizer Serienmörders Julian Hirtmann, der aus einem Gefängnis in den Pyrenäen ausgebrochen ist und den französischen Kommissar nach jahrelanger Jagd nun ganz bewusst auf seine Spur zu lenken scheint. Besonders perfide ist, dass Hirtmann ein kleines Kind in seiner Obhut hat, dessen Vater Servaz sein könnte, weil es seine mutmaßlich ermordete Freundin geboren haben dürfte – wenn nicht doch Hirtmann der Vater ist. Auch Servaz, an dessen Seite sich eine norwegische Kriminalpolizistin gesellt, die ebenfalls Hirtmann auf der Spur ist, gerät bald unter "Friendly Fire", denn Hirtmann begeht einen Mord, den er Servaz in die Schuhe schiebt.

Aus der Jagd nach dem Serienmörder und dem Kind, an der auch noch eine andere Partei beteiligt ist, entwickelt Minier einen Thriller, der das Potenzial zum Pageturner hätte – wenn der Autor nicht derart langatmig zu Werke gegangen wäre. Von den 569 Seiten hätte Minier locker 100 bis 200 weglassen können – es stecken einfach zu viele Längen und unnötige Abschweifungen drinnen. Und der Showdown im großen Finale ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass man sich als Leser fast schon darüber ärgert. Allerdings lässt der Autor am Ende eine Hintertür für ein weiteres Servaz-Hirtmann-Duell offen – es könnte also noch einmal spannend und rasant werden.

Arno Strobel: Im Kopf des Mörders 3 - Toter Schrei
Fischer; 352 Seiten; 10,99 Euro

Bernard Minier: Nacht
Droemer; 569 Seiten; 14,99 Euro