Angela Merkels "Wir schaffen das" ist zum geflügelten Wort geworden. Alexander Kissler hält es für eine leere Phrase. - © afp/Ludovic Marin
Angela Merkels "Wir schaffen das" ist zum geflügelten Wort geworden. Alexander Kissler hält es für eine leere Phrase. - © afp/Ludovic Marin

Es ist ein Satz, der zweifellos in die Geschichtsbücher eingehen wird: Angela Merkels 2015 am Höhepunkt der Migrationskrise formuliertes "Wir schaffen das". Was aber bedeutet dieser knackige kurze Satz eigentlich? Der deutsche Publizist Alexander Kissler hat ihn zum Anlass genommen, ein ganzes Buch zu schreiben: "Widerworte - warum mit Phrasen Schluss sein muss".

Das Kanzlerinnendiktum beschreibt er darin als eine jener klassischen Phrasen, mit denen Politiker, aber auch Medienmenschen das klare Denken ihrer Mitbürger und Mitbürgerinnen zu vernebeln suchen: "Ein reiner Behauptungssatz, man weiß nicht, wer wir ist, man weiß nicht, was das ist, und auch nicht, was schaffen meint." Schaut man genauer hin, wird so ein Satz von der Bedeutung her zu einem Luftballon ohne Hülle.

Phrasen zum Wohlfühlen

Wer regelmäßig die politische Berichterstattung verfolgt, der weiß, wie häufig, ungeniert und oft ungestraft sich die veröffentlichte Meinung derartigen Warmluft-Geschwurbels bedient. "Phrasen regieren uns", so der Sukkus der Streitschrift, "sie täuschen etwas vor, was nicht da ist: einen klugen Gedanken, eine tiefe Einsicht, eine hohe Moral. Sie sind Behauptungen, denen nicht auf den Grund gegangen werden soll, rhetorische Lametta fast ohne Substanz."

Kissler, der hauptberuflich das Kulturressort des eleganten Magazins "Cicero" leitet, hat ein gutes Dutzend Phrasen identifiziert, die gleichsam die Schwergewichte in der Disziplin des politischen Missbrauchs der deutschen Sprache darstellen, von "Wir müssen zur Sacharbeit zurückkehren", "Das ist alternativlos", "Haltung zeigen", "Unser Reichtum ist die Armut der Anderen", "Europas Werte ertrinken im Mittelmeer", "Vielfalt ist unsere Stärke" und vielen anderen bis hin zu "Gewalt ist keine Lösung".

"Gewalt ist keine Lösung" - der Applaus ist jedem sicher, der das sagt oder schreibt. Fühlt sich gut an irgendwie, und wer wird schon für Gewalt eintreten? Das Problem ist nur: Der Satz ist falsch. "Gewalt ist nicht die Lösung. Manchmal aber doch", argumentiert Kissler. "Viele politische Unrechtssysteme konnten nur mit Gewalt beendet werden. Und was bliebe von der Demokratie ohne Gewaltmonopol des Staates?" Das stimmt natürlich: Ohne massive Gewaltanwendung der Alliierten wäre etwa Hitler nie besiegt worden.

Warum aber werden derartig hohle Phrasen dennoch im Minutentakt abgesondert? - Weil sie, so der Autor, für "ein gutes Gefühl bei dem der sie im Munde führt" sorgen, weil man dafür sofort Applaus und Zustimmung bekommt, was ja sowohl Politikern als auch Medienschaffenden nicht ganz unwichtig ist. "Deshalb ist es nachvollziehbar, wenn wir zu scheinbar moralisch überlegenen Phrasen greifen. Zudem ist die Phrase nicht nur das einmal gesagte Aperçu.

Eine Phrase geht durch viele Münder. Man zapft einen Phrasenteich an. Damit ist man auf der sicheren Seite. So kann man immer darauf verweisen, dass bereits XY das zuvor gesagt hatte. Dann nicken alle, weil sie den Satz bereits gehört haben. Die Phrase ist insofern ein Zeichen von Denkfaulheit, bei denen, die zuhören, und von Feigheit bei denen, die sie aussprechen", schreibt Kissler.

Großmeisterin Merkel

Angela Merkel dürfte eine echte Großmeisterin in dieser Disziplin sein. "Aber richtig ist, dass wir eine Situation haben, keine Politik, sondern eine Situation", hat sie etwa bei "Anne Will" im Oktober 2015 geschwurbelt, und "es hat ja keinen Sinn, so zu tun, als hätten wir das in der Hand, wie viele Flüchtlinge morgen kommen."

Mit der Wirklichkeit hatte
das eher wenig zu tun, wie wir heute wissen. Aber warum dann "Wir schaffen das"? Das sei
eigentlich ein "autoritärer Verzweiflungsruf" gewesen, ein "Fahnenappell vor ausgedünnter Kompanie", spottet Kissler. So klug hat das noch kaum jemand beschrieben.