Es sind die Zahlen, mit denen sich der Student, den es aus Stockholm nach Prag verschlagen hat, befassen sollte. Denn er studiert ja - auf Wunsch seines Vaters - Wirtschaft und arbeitet an seiner Dissertation. Aber die Zahlen im Prag der frühen 1970er Jahre, in den Jahren nach dem sogenannten Frühling, sind völlig irreführend. Viel zu optimistisch stellen sie die Produktion der Planwirtschaft dar. Die Zahlen, die dem jungen Schweden von den amtlichen Stellen vorgelegt werden, und die er pflichtschuldig als Basis seiner wissenschaftlichen Arbeit verwenden soll, sind glatter Betrug. In Prag und in der Tschechoslowakei - wie überall im Ostblock - herrscht Mangel, und zwar an nahezu allem, und die amtlichen Zahlen gaukeln vor, es gäbe Überfluss.

Kein Wunder also, dass sich der ernüchterte Schwede - der zudem, als einer der Wenigen seiner Generation, den Kommunismus für unreformierbar hält - von diesen falschen Zahlen bald abwendet, und sich stattdessen - mit Leidenschaft - den Wörtern widmet. Denn Wörter, die nicht bloß Lug und Trug verkünden, sondern die es wert sind, gelesen und bedacht zu werden, gibt es in Prag noch. Auch wenn man sie in den Antiquariaten und Bibliotheken, wo sie sich, von Zensur bedroht, zwischen Bücherbergen verbergen, erst einmal suchen - und auch finden muss.

Wörter statt Zahlen

Es sind auch die Worte, und nicht die Zahlen, die bei Richard Swartz die Hauptrolle spielen: Worte, die Prag so gewitzt, so trefflich und so tiefsinnig beschreiben, dass nicht nur die zeitgenössische Stadt des schwedischen Studenten, den man sich als alter ego des Autors vorstellen darf, sichtbar wird, sondern dahinter auch das historische Prag. Jenes Prag, in dem nicht die Kommunisten herrschten, sondern zuerst die Aristokraten, dann die Bürger. Und in dem es nicht nur Tschechen gab, sondern auch Deutsche und Juden, die allesamt Spuren hinterließen. Und zwar Spuren, deren unübersehbarer Glanz für die Trostlosigkeit des kommunistischen Prag eine Gefahr darstellt. Und es sind, nicht zuletzt, die Wörter, die an die großen Literaten Prags erinnern, an Karel Čapek, Bohumil Hrabal, Jaroslav Haek, Franz Kafka und einige mehr. Und - an entscheidender Stelle, und ganz fabelhaft - auch an den Golem des Rabbi Löw.

Aber hinter all diesen Wörtern stehen bei Swartz, und das gibt ihnen erst die Kraft und die Wucht, überprüfbare Zahlen und Fakten. Der Fall des Eisernen Vorhangs etwa ist verbürgt und datierbar. Und auch die Jahrzehnte, die Richard Swartz als Osteuropa-Korrespondent des "Svenska Dagbladet" tätig war. Gewicht, das Swartz zu nutzen weiß, um seinen aus Reportagen erwachsenen Roman in der Literatur zu verankern, haben auch die drei Jahrhunderte, die seit Daniel Defoes "Robinson Crusoe" vergangen sind, in dem die drei Themen drohender Untergang, Hilflos- von-der-Welt-entfernt-Sein sowie nachhaltiges Wirtschaften im Fokus der Aufmerksamkeit stehen.