Und Gewicht hat auch die seit der Antike bekannte Maxime "Brot und Spiele", mit der Swartz Wind in die ganze Sache bringt, und seiner eigentlich zutiefst traurigen Geschichte, ganz in der Tradition der Prager Literatur, ein hochkomisches Element hinzufügt. Denn auch im kommunistischen Prag gilt diese Maxime. Nur ist das "Brot" durch das "Bier" ersetzt - und das ist in Prag, wie der Student sehr bald bemerkt, ganz hervorragend. Das muss es auch sein, denn es ist das "Einzige, das es in Prag außer Mangel und Zeit im Überfluss gibt", und man trinkt es, "um die Zeit totzuschlagen und den Mangel zu vergessen".

Auch dieses notwendige Lebenselixier muss sich der Genosse, der freilich eher ein Untertan ist, wenn nicht gar nur ein menschlicher Roboter, erst einmal leisten können - und in diesem Punkt verstehen die Kommunisten scheinbar mehr von Wirtschaft als Marie Antoinette oder Emmanuel Macron:

"Das Bier ist billig. Bisweilen heißt es, dass die Prager bereit seien, sich mit allem abzufinden, womit sie sich unter Krieg, Okkupa-tion und totalitären Ideologien schon abgefunden haben. Aber nicht mit einer Erhöhung des Preises für Bier - das brächte sie sofort dazu, sich wie ein Mann gegen jedes Regime zu erheben."

Natürlich hat billiges Bier auch gewisse Nachteile. Für alle Beteiligten. Nicht nur die Pissoirs, und manchmal, wenn dort etwas schief geht, unbeteiligte Hosenbeine, sondern auch die Straßenecken stinken in Prag nach Urin. Denn Bier treibt. Und es treibt an. Aber nicht jeden. Nur die Kellner in den Bierschenken: "Sie sind die Einzigen, die es in Prag eilig haben." Für alle anderen gilt: "In Prag wird sehr wenig gearbeitet, und sobald Bier in der Nähe ist, überhaupt nicht."

Eine Ausnahme sind die Schwarzmarkthändler, die in Prag nicht im Verborgenen ihrer illegalen, aber systemerhaltenden Tätigkeit nachgehen, sondern tagsüber im "Café im Hotel Europa auf dem Wenzelsplatz", einer der "vornehmsten Adressen der Stadt". Dort werden sie von den Kellnern wie "große Künstler" behandelt und sitzen "über Papiere mit Tabellen und Ziffern gebeugt, die sie auf ihren Tischen ausgebreitet haben wie hohe Offiziere ihre Karten vor einer Schlacht."

Junge Frauen & Diebe

Eilig haben es in Prag auch die Frauen, wenn sie einen Mann an der Angel haben, der aus dem Westen kommt und einen gültigen Pass besitzt. (Genau dieser Verdacht beschleicht zumindest den jungen Schweden, dem sich binnen kürzester Zeit weit mehr attraktive junge Tschechinnen als Sprachlehrerinnen und als Geliebte anbieten, als er je vor den Traualtar führen könnte.)

Und eilig haben es in Prag auch die Diebe, zum Beispiel, wenn ein schwedischer Student aus großbürgerlichem Haus seinen englischen Mantel in die Reinigung gibt. Der kommt dann ohne Futter zurück, weil jemand, der Eigenbedarf hatte (oder gute Kontakte ins Hotel Europa), es herausgeschnitten hat. Von seinen schlichter gekleideten tschechischen Freunden, die sich in diesem Fall sehr solidarisch zeigen, allerdings nicht mit ihm, erntet der Bestohlene nur Hohn: Sie "finde sie das völlig in Ordnung", urteilt eine junge Frau: "Wer auf seine Habseligkeiten nicht aufpassen kann, muss damit rechnen, alles zu verlieren, auch das, was bei weitem wichtiger und kostbarer ist als ein Mantelfutter."