Philosophischer Grübler: Milan Kundera. - © Gamma-Rapho via Getty/François Lochon
Philosophischer Grübler: Milan Kundera. - © Gamma-Rapho via Getty/François Lochon

"Man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben", verkündet Ramon, eine der Hauptfiguren in Milan Kunderas letztem Roman, "Das Fest der Bedeutungslosigkeit" (2015). Es war ein spielerisches Buch der großen Gegensätze - von Liebe und Hass, von Tragik und Komik, von Wahrheit und Lüge, Aufrichtigkeit und Selbsttäuschungen. Trotz der philosophischen Gedankenschwere kam dieser Roman seltsam leicht, mitunter sogar humorvoll daher. Vermutlich liegt es einzig daran, dass der gealterte, gelassener gewordene Romancier Kundera aus dem übermächtigen Schatten des jungen, bisweilen überintellektuellen Autors Kun- dera heraustreten wollte und ihn mit den Waffen der Selbstironie zu besiegen versuchte.

Innere Emigration

Milan Kundera hat sich schon früh aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückgezogen, seit über dreißig Jahren gibt er nur noch schriftliche Interviews, weil er sich oft falsch zitiert wähnte. Der große Künstler, der sich auch häufig missverstanden fühlte, hat den Weg in eine Art innere Emi-gration gewählt.

"Der Romancier ist weder Historiker noch Prophet, sondern Erforscher der Existenz", hat Kundera im Essay "Die Kunst des Romans" (1987) sein dichterisches Credo zutreffend beschrieben. Seit mehr als vierzig Jahren lebt der gebürtige Tscheche in Paris. Er schreibt seine Romane seit geraumer Zeit auf Französisch und gilt als Kosmopolit westeuropäischer Prägung. 1975 war er einem Ruf der Universität Rennes gefolgt und hatte seine Heimat verlassen. Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babis hat den Autor 2018 in Paris besucht und (bisher vergeblich) zur "Heimkehr" animieren wollen.

Milan Kundera, der am 1. April 1929 in Brünn als Sohn eines Musikwissenschafters und Janacek-Schülers geboren wurde, war einer der intellektuellen Wegbereiter des Prager Frühlings. Seine Kritik am Stalinismus, die er unverhohlen in seinem ersten Roman "Der Scherz" (1967; wie fast alle Werke bei Hanser erschienen) zum Ausdruck brachte, führte zum Ausschluss aus der kommunistischen Partei, in die er als 18-Jähriger eingetreten war.

Diese biografischen Eckpfeiler bilden auch das Handlungsgerüst für Kunderas weltbekannten Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1984). Vor dem Hintergrund der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings inszeniert er die erotischen Irrungen und Wirrungen des jungen Chirurgen Tomas, der durch sein ausschweifendes Sexualleben eine Art Selbstfindung betreibt. In diesem erfolgreich (wenngleich umstritten) verfilmten Roman geht es auch um die schwierige Situation der Intellektuellen im politisch geteilten Europa.