Kein Rückgrat. Käuflich. Gewissenlos. Im Jahr 2013 war der damals 26-jährige Folksänger Moddi, eigentlich Pål Moddi Knutsen, der auf der nordnorwegischen Insel Senja aufgewachsen und mit 21 nach Oslo gezogen war und damals gerade mit "House By The Sea" einen Hit gelandet hatte (nicht zuletzt wegen des augenschmeichlerischen Begleitvideos), baff. So etwas war ihm in seiner bis dato nicht wirklich langen Musikerkarriere noch nicht passiert.

Er bekam Zuschriften, die sich in kurzer Zeit auf Tausende summierten. Und er versuchte, eine jede zu lesen. Doch nahezu jede war aggressiv, manche waren beleidigend, einige untergriffig. Und dann kam eine zweite Welle von Zuschriften. Diese waren lobend, positiv und teils überschwänglich. Dabei kreisten beide Lager um dasselbe Thema, einen geplanten Auftritt Moddis in Tel Aviv.

Neue Arrangements

Über Nacht war der Musiker, dessen politisches Engagement sich bis dahin einzig und allein auf Umwelt- und Naturschutz beschränkt hatte - und der viele andere Anfragen ganz bewusst abgewiesen hatte -, in die Mühlräder der internationalen Politik und die Streit-, Front- und Kampfverläufe des Nahen Ostens geraten. Ohne es überhaupt zu wollen.

Am Ende sagte der Schlacks mit dem ungebärdigen blonden Wuschelkopf nach langem Überlegen ab. Er wollte Musik machen. Nur Musik. Und nicht politische Waffe werden mit seinen Songs. Die Absage ließ alles noch einmal für einige Wochen medial auflodern. Schließlich erhielt er eine E-Mail von der norwegischen Liedermacherin Birgitte Grimstad. Sie sandte ihm ein Lied zu, das dreißig Jahre zuvor von ihr aufgenommen worden und aus politischen Gründen boykottiert worden war. Es drehte sich um einen israelischen Offizier, der 1982 nicht Beirut einnehmen wollte. Sofort entstand in Moddis Kopf die Musik zum Text. Wenig später spielte er das Lied bei Auftritten. Einige Besucher gingen sofort aus dem Saal, andere gratulierten ihm danach. Andere sagten: Spiel dieses Lied nicht.

Eine Idee setzte sich bei Moddi fest: Songs zu finden, die nicht gespielt werden, die verboten wurden, für die ihre Komponisten starben oder inhaftiert wurden. Er machte sich an das Projekt "Unsongs" - der Titel spielte auf Orwell an - und stellte zwölf Lieder mit eigenen, neuen Arrangements zusammen. Die CD kam 2016 heraus. Für dieses Konzeptalbum reiste er in fünf Kontinente. Nun präsentiert er seine Reisereportagen und Zensur-Geschichten als Buch.

Er erzählt von Chile und Víctor Jara, dem Arbeitersänger und Al-lende-Freund, der nach dem Putsch Pinochets wegen seiner Lieder zu Tode geprügelt wurde. Von Vietnam und dem Musiker Viêt Khang, der ein via Internet rasch berühmt gewordenes Lied gegen Polizeigewalt und das kommunistische Regime schrieb und dafür zu mehr als vier Jahren Haft und anschließender Überwachung verurteilt wurde.

Flüssig geschrieben

Er schreibt von Israel und Izhar Ashdots "A Matter of Habit", vom Libanon und Marcel Khalife, von sich und Mari Boine und der lange unterdrückten samischen Kultur, von Mexiko, der Band Los Tucanes de Tijuana und deren Narcocorridos, Lobliedern auf Drogenkartelle, von blutiger Gewalt und exzessivem Sexismus. Er schreibt, wie während des Golfkriegs von 1991 die BBC Kate Bushs zehn Jahre alten Song "Army Dreamers", in dem eine Mutter um ihren gefallenen Soldatensohn trauert, mit sprachlichen Manövern aus "Qualitätsgründen" aus dem Programm hob, dazu Dutzende andere Songs.

Er erzählt von einem Treffen in Kansas City und von "Strange
Fruit", dem von Billie Holiday berühmt gemachten Protestsong wider Lynchjustiz und Rassismus in den USA. Und er erzählt von Pussy Riots "A Punk Prayer" und wie dieses Lied das russische Orchester, mit dem er in Norwegen auftrat und das ob fehlender Fremdsprachenkenntnisse nicht erfasste, welches Lied in englischer Übersetzung der junge Norweger da mit ihnen spielte, fast ins Gefängnis gebracht hätte - und davon, wie russische Generalkonsulate unverhüllte Beeinflussungsversuche unternahmen.

Sympathisch ist das Ganze, flüssig geschrieben, klug, auch klug ausgewogen, aufschlussreich und nachdenklich. Und noch nachdenklicher stimmend.