Yishai Sarid ist einer der renommiertesten Autoren Israels. Mit seinen Büchern greift er Themen der israelischen Zeitgeschichte auf. In seinem nun auf deutsch erschienen Werk "Monster" widmet sich der 1965 geborene Autor dem prägenden Themenkomplex der Geschichte Israels - dem Gedenken an den Holocaust. Mit dem fiktiven Bericht eines Historikers, der Gruppen durch die Lager in Polen führt, seziert Sarid überaus präzise und aufrüttelnd wie heute mit dem - wie er es beschreibt - "Monster der Erinnerung" umgegangen und sie teilweise für individuelle Vorteile missbraucht wird. Ein Roman fortwährender Schläge in die Magengrube, den man immer wieder beiseite legt, um Luft zu holen - ein ausgezeichnetes, wichtiges wie ergreifendes Buch.

Touristen, die den Stacheldraht in Auschwitz fotografieren. Roger Cremers/laif/picturedesk - © Roger Cremers / laif / picturede
Touristen, die den Stacheldraht in Auschwitz fotografieren. Roger Cremers/laif/picturedesk - © Roger Cremers / laif / picturede

Die Wiener Zeitung traf Yishai Sarid und sprach mit ihm über die Formen des Erinnerns, Fiktion und Realität in seiner Literatur, und wie es dazu kommt, dass ein Oktoberfest mitten in Tel Aviv gefeiert wird.

Wiener Zeitung: Gab es für sie einen unmittelbaren Beweggrund, dieses Buch zu schreiben? Oder ist "Monster" eine literarische Verdichtung aus unterschiedlichen Erfahrungen?

Yishai Sarid. - © Habres
Yishai Sarid. - © Habres

Yishai Sarid: Der Roman ist eine Zusammenführung von beidem. Einerseits hat mich der unheimliche Einfluss des Holocausts auf mein Leben dazu bewogen. Viele meiner Vorfahren wurden während der Schoa ermordet. Andererseits begegnest du ihr in Israel an jeder Ecke - sie ist das Schwergewicht im Bewusstsein des Landes. Du kannst dich dem unmöglich entziehen. Wenn in deiner Familie ein Mord passiert, dann brauchst du Jahre um darüber hinwegzukommen. Wenn das Morden und die unbeschreiblichen Grausamkeiten Millionen von Menschen betreffen, bleiben Leid und Traumata ewig. Ich musste mit der Bürde etwas anfangen. Daher habe ich irrsinnig viel recherchiert, mich eingelesen und technische Details studiert. Das "Monster" begann, mich zu faszinieren - so pervers es klingt. Bis zu dem Punkt, an dem ich mich fragte: "Was machst du da? Das ist viel zu viel!" Worin liegt der tiefere Sinn, wirklich alles über die Schoa zu wissen?

Eine Erkenntnis, die auch ihrem Erzähler widerfährt.

Genau. Welche Lektion lernst du daraus? Jedes Detail zu wissen: Wie das Gas eingeleitet wurde, bis dahin, welche Musikstücke die Lager-Orchester auf dem Weg zur Vernichtung gespielt haben. Es ist irgendwie krank.

Sind sie als Schüler nach Polen gefahren? Haben Sie für ihre Recherchen wieder Reisen dahin unternommen? Wie war das Erinnern damals und heute?