Vielleicht ist Menschenkunde heute nicht mehr als allumfassendes System aus der Welt und ihren Vorgängen zu destillieren. Wohl eher als Kaleidoskop. So wie dies, nach mehreren umfangreichen erzählerischen Bänden, nun der Triestiner Claudio Magris unternimmt, der am 10. April seinen 80. Geburtstag feiert: In "Schnappschüsse" legt er ebensolche vor: Miniaturen, Polaroids des (Semi-)Privaten, Souvenirs des Gedächtnisses.

48 kurze Texte sind es aus mehr als zwanzig Jahren. Teils sind sie anekdotisch, etwa wenn er in New York die Galerie des berühmten Leo Castelli besucht (der aus Solidarität mit einem verurteilten Künstler dessen Arbeiten mit schwarzem Tuch verhängt hatte) und eine Besucherin beobachtet, die ehrfurchtsvoll vor dem schwarzen Stoff steht. Teils verdanken sie sich der lokalen Geografie Triests.

So sinniert er über die Riviera von Barcola, den felsigen Strand entlang der Hauptverkehrseinfallschneise der Adriastadt und beobachtet die Menschen. Epiphanisch können auch Reiseimpressionen sein, eine Gemeinderatssitzung, eine wissenschaftliche Tagung, ein Sommerfrischeaufenthalt, eine Bahnfahrt.

Claudio Magris, der Intellektuelle und euphorische Europäer, wie ihn eine Hamburger Wochenzeitung einst titulierte, der Germanist, der geistvoll über Literatur Parlierende: 1964 wurde er in Turin mit einer großen Arbeit über den habsburgischen Mythos promoviert, danach lehrte er mehrere Jahrzehnte an seiner heimatlichen Universität. 1996 landete er mit "Donau. Biographie eines Flusses" einen Bestseller. Es war eine Kultur- als Literaturgeschichte, als Mittel- und Osteuropa noch unter der Betondecke des hochsklerotischen Staatssozialismus begraben lag. Magris’ Fluss-Reise ließ eine große, untergegangene Zeit der zerriebenen Kulturen, Sprachen und Ethnien wieder aufleben.

Zeit ist auch ein wesentlicher Grundstoff in den "Schnappschüssen". Der wohl eindringlichste Text ist "Der Grabstein von Jens": Mag-ris besucht die Pfarrkirche im norwegischen Dypvåg, beschreibt mit impressionistischen Tupfern das Innere und den kleinen Friedhof: Gebannt blickt er auf den Grabstein eines gewissen Jens Keilon: "Dieser Mensch hat nur vierundzwanzig Stunden gelebt. Was kann in diesen vierundzwanzig Stunden passiert sein?" Magris meditiert über Existenz und existenzielle Ganzheit, über Glück und die wenigen Atemzüge, die Jens machte, ehe er am Tag seiner Geburt starb, mit anmutiger, nobler Dezenz.

In einer 1986 verfassten Hommage an Jorge Luis Borges, diesen biblio-labyrintho-fiktionalen Dichter, meinte Magris treffend, dessen Werk sei durchzogen von dem melancholischen Bewusstsein, dass Literatur das Leben nicht retten könne. Borges’ Größe bestehe aber darin, das Leben, seine Fülle und Nichtigkeit heraufzubeschwören, indem er die Unzulänglichkeit der Literatur, es zu repräsentieren, aufzeige und sich gleichzeitig diese Unzulänglichkeit zu eigen mache. Schöner, graziöser und leichter hätte der gelehrte Autor und Kaffeehausgeher sich in Borges kaum porträtieren können.