Bei einem Text von Bora Ćosić weiß man nie, was er dazuerfunden hat, und wo er sich mehr an das Gegebene, das Vorgefundene hält. Das macht aber nichts, denn was immer ihm da gerade auf- und einfällt, man folgt ihm gerne, so wie hier, wo wir zwei Reise-Plaudereien vorgesetzt bekommen, die ursprünglich getrennt voneinander in der Zeitschrift "Lettre international" erschienen sind: "Immer sind wir überall".

Begegnung in Rom

Ćosić nimmt uns in seiner bewährten, bei aller Abschweifung stets unterhaltsamen Art mit nach Rom; dort begegnet ihm neben dem, was einem in Rom zwangsläufig begegnet, außerdem und ausgerechnet ein Schriftsteller namens Milos Crnjanski: ein serbischer moderner Klassiker, von dem, wie es das Schicksal kleiner Sprachen bzw. Literaturen ist, außerhalb seiner Heimat noch niemand gehört hat. Und Ćosić gibt sich große Mühe, diesem Missstand abzuhelfen.

So erfahren wir, dass Ende der 1930er Jahre dieser unbekannte Dichter in Rom lebte und als Diplomat sein Land Jugoslawien vertrat, das nach kurzem Dasein sich eben anschickte, von der Landkarte zu verschwinden. Damals schrieb er ein Buch, das von Michelangelo handeln sollte, aber mehr davon handelte, dass er ein Buch schrieb zu einer Zeit, als die Geschichte im Begriff war, ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

"Viel Zeit ist seither vergangen, seit meiner Verbannung in Rom, der kurzen, aber angenehmen, in voller Geborgenheit, einer solchen, dass ich während des gewaltigen Blutvergießens in meinem Land ungestraft das große und wichtige Buch des serbischen Dichters Milos Crnjanski lesen konnte", schreibt Ćosić zwanzig Jahre nach dem zweiten Ende Jugoslawiens, das sich auf diese Weise sozusagen im ersten Ende spiegelt, was dem unverdrossenen Modernisten natürlich gefällt.

Und dann schauen wir sozusagen ein Haus weiter: "Donaubädeker" heißt der zweite Teil, beginnt in Linz und endet in Wien. Dazwischen werden wir in die Weinberge des westlichen Niederösterreich entführt und müssen en passant eine ziemliche Menge bildungshuberisches name dropping verdauen, das etwas nervt (oder wenigstens mich), zumal wenn ein Auswärtiger die Fülle seiner Assoziationen zum Hiesigen ausbreitet.

Prosa-Vignetten

Dafür versöhnt uns der Autor mit kleinen Prosa-Vignetten: "Ich weiß, dass mir vor langer Zeit, als ich hier war, ein Emblem auffiel, das ich mir in der Kindheit eingeprägt hatte. Als Sohn eines Eisenwarenhändlers behielt ich das Markenzeichen einer Firma aus Solingen im Auge: zwei Gestalten, in einer Zeichnung seltsam zusammengewachsen. Das war wie eine Art Turnszene, in der jeder der beiden Zusammengewachsenen mit Hanteln trainiert und der Welt beweist, dass gerade da (vor 275 Jahren) das Metallreich Europas geboren wurde."