Dass Julian Schuttings Werke auf Kuba gelesen werden, ist denkbar. Auch Ernst Jandls Poesie kann man sich gut in der Karibik vorstellen, vorausgesetzt, die Freude am artistischen Sprachspiel bleibt in der Übertragung erhalten. Aber passen die oft hermetische Lyrik Friederike Mayröckers und die wienerischen Sarkasmen Elfriede Gerstls auf die Insel der etablierten Revolution und des Zuckerrohrs? Angesichts der Tatsache, dass die Werke all dieser Autoren bereits kurz nach dem Erscheinen vergriffen waren, darf man die Frage wohl mit Ja beantworten.

Olga Sánchez Guevara, eine der engagierten Vermittlerinnen zwischen Wien und Havanna, zieht eine zweisprachige Ausgabe von Gedichten Mayröckers aus ihrem Bücherschrank: "Páginas mágicas" ("Zauberseiten"), erschienen 2005. "Diese Übersetzung war für mich eine Herzensangelegenheit", sagt sie. Die Auswahl der Gedichte hat sie 1999 mit der Autorin gemeinsam in Wien getroffen. In einer Schublade ihrer Erdgeschosswohnung am Rand der kubanischen Hauptstadt bewahrt sie die handschriftliche Korrespondenz auf, in der es um Verwertungsrechte ebenso geht wie um Sprachmagie.

Effekt der Lektüre

Kilometer an deutschsprachiger Literatur habe sie gelesen, erzählt sie, bevor sie 1995 auf Einladung der Grazer Autorenversammlung erstmals nach Wien kam. Der Effekt der Lektüre: "Als wäre ich schon einmal dort gewesen." Durch einen Zufall habe sie die Autorin Marie-Thérèse Kerschbaumer in Kuba kennengelernt. Ihre Übersetzung "La extraña" (Die Fremde) erschien 1996 im Verlag Arte y Literatura, der auf fremdsprachige Texte spezialisiert ist. Verwandte Seelen, hat Kerschbaumer doch selbst als Dolmetscherin für Spanisch gearbeitet und mit viel Feingefühl Literatur aus dem Rumänischen übertragen. Mit "Ausfahrt" und "Fern" folgten bis 2006 die weiteren Bände von Kerschbaumers Trilogie.

Reges Treiben bei der Buchmesse in Havanna. - © Gabriele Müller
Reges Treiben bei der Buchmesse in Havanna. - © Gabriele Müller

"Wir trafen in Kuba erstklassige Kenner der deutschen Sprache und Literatur", erinnert sich der nach Argentinien emigrierte jüdische Schriftsteller Alfredo Bauer an die Internationale Konferenz "Deutsch als Fremdsprache" im Jänner 1990 in Havanna. Was umso bemerkenswerter sei, als die kubanischen Kollegen ja erst einmal die Sprache lernen mussten. Zum Unterschied von anderen lateinamerikanischen Ländern wie Chile oder Argentinien ist Kuba kein klassisches Einwanderungsland und kann nicht auf deutschsprachige Traditionen wie etwa Brasilien oder Argentinien zurückgreifen.

Im Mittelpunkt des Interesses stand aufgrund der politischen Weltlage zunächst die DDR, mit der es nach der kubanischen Revolution von 1959 zu einem regen Kulturaustausch kam. Sánchez Guevara, eine der ersten Absolventinnen des Germanistikstudiums in Havanna, begann Mitte der 70er Jahre ihre Tätigkeit beim Kubanischen Buchinstitut (ICL). "Hier wurde alles übersetzt, was aus der DDR kam", erinnert sie sich. Etwa Sachbücher und Schriften über sexuelle Aufklärung für den Schulunterricht. Die "Schriften über Kunst und Literatur" von Rosa Luxemburg waren eine ihrer ersten literarischen Arbeiten.

Außer für den sozialistischen Bruderstaat interessierte man sich in Kuba damals vor allem für die bereits kanonisierten Autoren. Das erste Werk aus Österreich, das die Nationaldruckerei verließ, war Stefan Zweigs "Verwirrung der Gefühle". Es folgten "Die Welt von Gestern", "Sternstunden der Menschheit" und eine Reihe von Klassikern des deutschsprachigen Raums: 1964 kamen Erzählungen von Franz Kafka heraus, 1985 sein unvollendeter Roman "Amerika", 1968 Robert Musils Erzählungen "Drei Frauen". Das Sortiment umfasste Werke von Goethe, Schiller, Kleist, Rilke, Thomas Mann, Heinrich Mann, Brecht und Dürrenmatt. Die Gegenwartsliteratur blieb zunächst außen vor.

Die Ausnahme bildete Erich Hackls Erzählung "Auroras Anlass", deren Erscheinen aus Papiermangel um drei Jahre verschoben wurde. Als der Autor dann im Februar 1992 zur Präsentation bei der Internationalen Buchmesse in Havanna erschien, war sein Übersetzer Augusto Pomar Montalvo wegen "konterrevolutionärer Tätigkeit" in Haft. Unter dem Titel "Im Dickicht der Einsamkeit" beschrieb Hackl kurz darauf in "Zeit Online" seine Eindrücke vom Zustand der kubanischen Revolution - und deren
eklatante Widersprüche.

Buchmesse 2019

"Lesen ist wachsen", lautete das Motto der diesjährigen Buchmesse in Havanna, die inzwischen in die Provinzen weitergezogen ist und am 14. April in Santiago de Cuba endet, dem Ort, an dem 1959 die Revolution begann. Rund 386.000 Personen sind heuer in die Festung San Carlos de La Cabaña gekommen, um 20.000 mehr als im Vorjahr, meldet der Präsident des Kubanischen Buchinstitus, Juan Rodríguez Cabrera, als gelte es einen Rekord zu brechen. Über 120 Aussteller, darunter der Gemeinschaftsstand der Frankfurter Buchmesse oder der linke Verlag Pathfinder Books, haben daran teilgenommen. "Platz ist für alle", sagt Rodríguez, "sofern sie zur Bildung beitragen und mit der Kulturpolitik der kubanischen Revolution übereinstimmen".

Die angelieferten Exemplare des Erzählbandes von Eduardo Heras León, dem heurigen Ehrengast, waren kurz nach Präsenta- tion des Buches verkauft. Darin enthalten ist auch die Erzählung "Die Nacht des Kapitäns", derentwegen er aufgrund "ideologischer Abweichungen" in den 70er Jahren von der Universität Havanna verstoßen und zu Fabriksarbeit verurteilt worden war.

Anders als in früheren Jahren ist österreichische Literatur diesmal mehr als spärlich vertreten. Am Gemeinschaftsstand der Frankfurter Buchmesse findet sich Stefan Zweigs "Schachnovelle", etwas unkorrekt unter "Übersetzungen deutscher Autoren" eingereiht. "Wittgensteins Neffe" von Thomas Bernhard, auf den Tischen des Verlages Arte y Literatura ausgestellt, wird sogar verschenkt: Es gibt kein Wechselgeld auf den Schein mit Nennwert zehn CUC (den konvertiblen Peso, mit dem Importwaren und Dienstleistungen im Tourismus bezahlt werden). 20 kubanische Pesos (CUP) hätte der 1984 vom Spanier Miguel Saenz übersetzte Band gekostet, weniger als einen Euro. Durch staatliche Subvention ist das Buch mit einem Durschnittspreis von acht Pesos (rund 40 Cent) auch für Kubaner leistbar, die nicht im devisenbringenden Tourismus tätig sind.

Ein Gedichtband von Elfriede Gerstl war wegen Problemen mit der Druckerei nicht rechtzeitig zur Messe ausgeliefert worden. "Für uns eine Tragödie", meint Sánchez, man habe sich sehr mit der Arbeit beeilt. Dass diese überhaupt getan werden konnte, verdanke sie "einem glücklichen Zufall", nämlich dem Interesse der vormaligen österreichischen Botschafterin in Havanna, Gerlinde Paschinger.

Sprache der Philosophen

"Ein bisschen aus Zufall", beschreibt der 1947 geborene Díaz Solar, der eigentlich Schachlehrer hätte werden wollen, seine Wahl der Sprache, "und weil Deutsch die Aura hat, eine Sprache der Philosophen zu sein". Im Jahr 1999 erschien seine Anthologie mit Gedichten Heines: "Enfant perdu". Während der Arbeit da-ran verkaufte er Erdnüsse im Zug. Er lebte somit nach, was sein Autor geschrieben hatte: "Doch ach! mir Armen lächelt Mammon nie: / Denn leider, leider! trieb ich dich alleine, / Brotloseste der Künste, Poesie!" Die Übersetzung sei trotz dieser prekären Umstände gut geworden, ein Exemplar habe er noch.

Jandl-Übersetzer Díaz Solar. - © Gabriele Müller
Jandl-Übersetzer Díaz Solar. - © Gabriele Müller

Später hat Solar sieben Jahre lang mit Kollegen an der Übersetzung eines vom deutschen marxistischen Philosophen Georg Klaus herausgegebenen philosophischen Wörterbuches gearbeitet. Das Werk wurde nach dem Fall der Berliner Mauer nie veröffentlicht. Der Korrektor sei bei Buchstaben "P" verstorben, sagt er. "Aber es war eine sehr lehrreiche Zeit." Das auf Schreibmaschine getippte Manuskript ist ebenso verschwunden wie der ostdeutsche Staat.

Der Autor und Übersetzer beschäftigte sich auch mit der Genese des deutsch-kubanischen Literaturaustausches. 2004 wurde bei der Internationalen Buchmesse in Havanna sein Buch "Las letras alemanas en el siglo XIX cubano" präsentiert, in dem die Verbreitung deutschsprachiger Literatur während der Kolonialzeit behandelt wird. Allgemein bekannt ist der Einfluss der Romantik auf den Nationaldichter José María Heredia. Nicht nur historisch ist es allerdings schwer, die Rezeption zu messen, meint Solar. "Literaturkritik gibt es kaum, wenn wir sie nicht selbst machen."

Literatur-Plattform

Wehmütig erinnert er sich an die Zeit, als im "Torre de Letras", "eine Art Alte Schmiede in Miniatur" in Havannas Altstadt, die übersetzten Werke vorgestellt wurden. Nächtelang habe man dort über die Weltliteratur und deren Aufgaben in der Gesellschaft diskutiert und Projekte ausgetüftelt.

Unter der Leitung des Herausgebers und Übersetzers José Aní-bal Campos entstand 1996 das Heft "Hieronymus", eine Auswahl von Gedichten und Prosatexten, die von Teilnehmern am Workshop Literarische Übersetzung an der Universität Havanna übertragen wurden. In Gemeinschaftsarbeit mehrerer Übersetzer wurde die Sondernummer der Zeitschrift "Union" mit bis dahin teils unveröffentlichten Texten österreichischer Autoren wie Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann oder Paul Celan zusammengestellt.

Heute sind digitale Medien eine Möglichkeit, die Isolation unter den literaturaffinen Kubanern zu umgehen. Auf der Plattform cubaliteraria.cu  stellt Sánchez Guevara, die im Oktober auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (die seit Jahren kubanische ÜbersetzerInnen im Rahmen ihrer Übersetzungsstipendien einlädt) nach Wien kommen wird, laufend österreichische Autoren und deren Texte vor.

Erst Mitte der 90er Jahre hatte sich für kubanische Übersetzer erstmals die Möglichkeit eröffnet, mittels Stipendien nach Österreich zu reisen. "Man kann sein Leben mit Lesen verbringen, aber nur der Kontakt zu den Leuten macht die Sprache lebendig. Die Straßenbahn ist wie eine Bibliothek", meint Díaz Solar. "Das Hören von Gesprächen auf der Straße ist für mich, wie . . . - wie sagt es Canetti?" - der preisgekrönte Jandl-Übersetzer, der Deutsch in einer Abendschule in Havanna gelernt hat, schaltet von Spanisch auf Deutsch - ". . . eine Hingabe an die Laute Wiens." Aber Hörverständnis habe er eigentlich keines. Das sei bisweilen ein Problem, denn "manche österreichische Intellektuelle sind vom Dialekt dominiert. Da muss ich dann um Hochdeutsch bitten."